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Georges Perec: Gehaltsratgeber:Oh, wie grau ist das Büro

Mal wieder ein neuer Gehaltsratgeber. Doch im Buch von Georges Perec fehlt der süße Cocktail aus Selbstoptimierung und Erfolgshypnose: ein Dokument der Sinnlosigkeit allen Ehrgeizes.

"Sie haben reiflich nachgedacht haben ihren ganzen mut zusammengenommen und entschließen sich ihren abteilungsleiter aufzusuchen um ihn um eine gehaltserhöhung zu bitten sie suchen ihn sagen wir um die sache zu vereinfachen denn man muss immer vereinfachen er heißt monsieur xavier das heißt monsieur x sie suchen also monsieur x auf da gibt es nur entweder oder entweder ist monsieur x in seinem büro oder aber er ist nicht in seinem büro wenn monsieur x in seinem büro wäre gäbe es kein problem aber natürlich ist monsieur x nicht in seinem büro."

Büro-Tristesse: Labyrinthisch-byzantinischen Lebenszeitvernichtung in bürograuen Firmengängen.

(Foto: Foto: iStock)

Okay, stimmt schon, einen Straßenfeger oder Pageturner, wie das die Engländer nennen, schreibt man so nicht. Das wollte Georges Perec aber auch gar nicht, im Gegenteil, Street Sweeper oder Seitenwender, wie das die Deutschen nennen, interessierten ihn nicht, sein hehres Ziel war es, "zu einem vollständig unlesbaren Text zu gelangen", wie er es in einem Brief an seinen Freund Jacques Perriaud formulierte.

Selbstoptimierung und Erfolgshypnose

Dieser Perriaud, ein Forscher im Rechenzentrum der Maison des sciences de l'homme, hatte ihm 1968 ein Organigramm geschickt, in dem allen Ernstes versucht wurde, die verschiedenen Taktiken, mittels derer man seinen Chef um eine Gehaltserhöhung bittet, graphisch darzustellen. Perec stürzte sich sofort begeistert in die Verästelungen dieses absurd-skurrilen Diagramms und versuchte sich an einem Text, der jetzt erstmals im Deutschen vorliegt: "Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten".

Wer freilich auf der Suche ist nach einem dieser hemdsärmelig-pragmatischen Ratgeber, die einem den immergleichen süffig-süßen Zuversichtscocktail aus Selbstoptimierungsformeln und Erfolgshypnose einschenken, der sollte die Finger von Perecs Büchlein lassen. Bei ihm wird es nämlich nichts mit der Gehaltserhöhung. Das Ganze ist ein Dokument der Vergeblichkeit und der Sinnlosigkeit allen Ehrgeizes, dabei im Ton so heiter wie melancholisch, ein bisschen so, als würde Jacques Tati Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" verfilmen.

Handelt es sich um eine T-60-Frage?

Georges Perec lässt den kleinen Angestellten im Verlauf des Buches unzählige Male am leeren Büro des Chefs vorbeigehen und schickt ihn dann auf "eine runde durch die verschiedenen abteilungen deren gesamtheit ganz oder teilweise die organisation bildet, die sie beschäftigt." Er trifft auf seine Kollegin Y, macht sich sorgenvoll Gedanken, ob der Abteilungsleiter eventuell verstimmt sein oder etwas Falsches gegessen haben könnte, geht regelmäßig erneut zum Büro von Monsieur X, der irgendwann "o überraschung da ist den kopf hebt als sie klopfen und sie sogar mit einem reizenden lächeln auffordert platz zu nehmen das ist so selten dass es sie sicher drängt misstrauisch zu werden".

Zu Recht: Selbst als sich Perecs Held lebenstechnisch diesen einen Zentimeter über die Schwelle des Chefs vorgearbeitet hat, hilft ihm das nicht weiter, fragt der Chef doch nur, ob es sich um eine T-60-Frage handle, "aber sie wissen nicht was eine T-60-frage ist und ich kann ihnen leider nicht helfen da ich es selbst nicht weiß". Also wieder raus mit Ihnen.

Selbst wenn er in Bezug auf die T-60-Frage keinen Rat weiß: Perec weiß sehr gut, wovon er spricht, wenn er von dieser labyrinthisch-byzantinischen Lebenszeitvernichtung in bürograuen Firmengängen schreibt, denn er verdiente damals seinen Lebensunterhalt als schlechtbezahlter Archivar im Neurophysiologischen Laboratorium eines Pariser Krankenhauses. Doch die Beschreibung allein macht natürlich nicht den Reiz dieses Textes aus.

Auf der nächsten Seite: Georges Perec und ein Buch komplett ohne ein "E".