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Gehalt:Warum Online-Gehaltsvergleiche unzuverlässig sind

Wie hoch sollte mein Verdienst sein? Gehaltsportale im Netz bieten Arbeitnehmern vermeintlich Orientierung. Doch die Angaben der einzelnen Anbieter gehen oft weit auseinander.

Tim ist Teamleiter in einem Chemiekonzern und will vor der nächsten Gehaltsrunde wissen, wie gut er im Vergleich zu seinen Kollegen verdient. Jana hat gerade ihr Biologie-Examen gemacht. Sie fragt sich, mit welchem Einstiegsgehalt sie rechnen kann. Cem arbeitet im Vertrieb. Er möchte die Stelle wechseln und ist sich nicht schlüssig, was er sagen soll, wenn er nach seinem Einkommenswunsch gefragt wird. "Überleg' Dir, was Du haben willst," rät ihm ein Freund, "und dann schlag zehn Prozent drauf. Runtergehen kannst Du immer noch."

Aber was, fragt sich Cem, wenn er sich wegen übertriebener Forderungen ins Aus schießt? Oder wenn er zu wenig angibt und sich damit lächerlich macht? Tim, Jana, Cem und viele andere wünschen sich einen Maßstab. Eine Balancierstange, mit der sie auf dem schmalen Grat zwischen zu niedrigen und abstrus hohen Gehaltsansprüchen die Waage halten können.

Was die Sache schwierig macht: Kaum jemand spricht außerhalb der Familie darüber, wie viel er oder sie verdient. Tarifverträge markieren nur die untere Einkommensgrenze. Mit freiwilligen Zulagen und leistungsabhängigen Boni stocken die Arbeitgeber auf, wenn sie gute Leute gewinnen oder behalten wollen. Für die demnächst anstehenden Gehaltsverhandlungen müssten Tim, Jana und Cem also wissen, wie viel Geld sie dem Arbeitgeber wert sind. Das aber ist unmöglich, denn sie kennen ja nur ihre Seite.

Erstaunlich unterschiedliche Ergebnisse

Um wenigstens ein Gefühl dafür zu bekommen, was realistisch ist, machen sie es wie alle anderen: Sie vergleichen ihre Gehälter im Internet - und sind am Ende nicht viel klüger als zuvor. Denn obwohl alle Einkommensrechner und Vergleichsportale behaupten, ihrer Statistik lägen Zigtausende von Gehaltsangaben zugrunde, kommen sie für ein und denselben Beruf auf erstaunlich unterschiedliche Ergebnisse.

Warum das so ist, erklärt Julia Zmitko, oberste Datenverarbeiterin der Managementberatung Kienbaum in Frankfurt: "Die Unterschiede ergeben sich vor allem aus der Datenherkunft und der Berechnungsmethodik." Anders als die Berechnung ist die Datenherkunft bei keinem Anbieter ein Geheimnis. Wie aber steht es um die Datenwahrheit? Kienbaum bekommt die Gehaltsdaten von Unternehmen, nicht von den Berufstätigen selbst. Und verkauft die Auswertung zurück an die Unternehmen, nicht aber an Arbeitnehmer.

Die Beratungsfirma analysiert dazu die Geschäftsberichte von etwa 2500 privaten und öffentlichen Unternehmen, etwa 3500 weitere Unternehmen, gemischt nach Branchen und Größe, füllen regelmäßig Formulare aus. Nicht nur das lässt auf die oberen Einkommensklassen schließen. "Wir arbeiten bewusst nicht mit vom Arbeitnehmer selbst gelieferten Daten", sagt Zmitko, "weil man nicht sicher sein kann, ob dieser die richtigen Zahlen angibt." Die Sozialwirtin weiß: Im Schutz der Anonymität wird gerne mal geschwindelt.

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