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Frühkindliche Bildung:So jung, so schlau, so überfordert

Schach-AG für Vierjährige, Französisch in der Kita: Ehrgeizige Eltern überfordern ihre Kinder. Lehrer und Psychologen streiten, wie viel Bildung gut für den Nachwuchs ist.

Der kleine Max soll es einmal besser haben als die anderen. Im zweisprachigen Kindergarten lernt er Französisch, bevor andere Jungen und Mädchen überhaupt das Wort "merci" über die Lippen bringen. Zudem kann der Vierjährige mit seinen kleinen Händen schon die ersten Griffe auf der Geige. Und lesen gelernt hat er sowieso schon vor der Schule - weil Max das wollte, sagen seine Eltern. Aber ist der Kleine deshalb schon bereit für die erste Klasse?

Schulreif oder nicht? Manchmal sind Prognosen schwierig.

(Foto: Foto: ddp)

Bildungsministerin Annette Schavan sagt: "Ja". Sie will, dass Eltern ihren Nachwuchs schon ab vier Jahren einschulen dürfen - sofern er fit ist für die Schule. "Die Altersgrenze von sechs Jahren führt dazu, dass viele Kinder in Deutschland für ihre Verhältnisse zu spät in die Schule kommen", sagte die CDU-Politikerin dem Hamburger Abendblatt. Schon am Ende der ersten Klasse hätten viele Kinder "keine Lust mehr", weil sie unterfordert seien. Daher dürfe es "keinen starren Stichtag" für die Einschulung geben.

Prompt legte jetzt Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Köln nach. Er sieht hohes Lernpotenzial bereits bei den Kleinen - und ruft Eltern dazu auf, ihre Kinder schon ab drei Jahren auf die Schule vorzubereiten. Spielerisch. "Auch wenn etwas nicht gelingt, sollten Eltern ihr Kind ermutigen, damit es nicht gleich aufgibt", betont er aber. Letztlich entscheide eine Vorsorgeuntersuchung, ob das Kind schulreif sei.

Sprache als Dreh- und Angelpunkt

Bei den Untersuchungen vom Gesundheitsamt werden etwa die Seh- und Hörfähigkeit des angehenden Erstklässlers getestet. Zunehmend behalten sich Schulen außerdem vor, mit eigenen Tests die Schulfähigkeit der Kleinen zu prüfen, erläutert Grundschullehrerin Sybille Benabderrahman aus Offenburg. "Getestet wird beispielsweise, wie gut sich ein Kind artikulieren kann. Die Sprache ist für die weitere Entwicklung in der Schule Dreh- und Angelpunkt", sagt sie.

Dass die Kleinen schon mit vier Jahren die Schulbank drücken sollen, hält die Lehrerin aus Baden-Württemberg für übertrieben. "Kinder haben in der Schule keine Möglichkeit, zu spielen", erklärt sie. Spielen jedoch sei ein Grundbedürfnis vieler Erstklässler. Nur, wenn sich der Unterricht an die Gewohnheiten der ganz Jungen anpassen würde, wäre ein früherer Schuleinstieg überhaupt möglich. "Es heißt immer: Holt die Kinder dort ab, wo sie stehen. Aber die Realität sieht anders aus", kritisiert die Grundschullehrerin. Zudem gebe es an vielen Schulen schlichtweg nicht genügend Personal.

Auf der nächsten Seite: Warum Grundschulen auf so junge Kinder gar nicht vorbereitet sind - und welche Rolle Krippen bei der Bildung spielen.

Einschulungsalter wird immer niedriger

Keine Frage der Reife: Schulen sollen kindgerechter werden

Ähnlich wie viele Lehrer argumentiert Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Die Schulreife ist für mich kein hinreichendes Kriterium", sagt sie. "Es kommt vielmehr darauf an, dass Schulen kindgerechter werden." Schulen seien auf Kinder unter fünf Jahren nicht vorbereitet. Statt über das Einschulungsalter zu debattieren, solle man besser über mehr Lehrer nachdenken - und über kleinere Klassen in den Grundschulen.

"Wichtiger als die Schulreife ist zudem die Schulbereitschaft der Kinder", betont Demmer. Die Kleinen würden bereits in Krippen gefördert, wo sie sich mit Gleichaltrigen auseinanderzusetzten. Deshalb müsse man nicht schon so früh auf die Schulen ausweichen. Dieser Meinung ist offenbar auch Grünen-Chef Cem Özdemir. In Deutschland sei inzwischen bekannt, dass die Phase vor der eigentlichen Einschulung mindestens so wichtig sei wie die Zeit danach, sagte er der Rheinischen Post.

Frühere Einschulung ist möglich

Noch vor fünf Jahren war das durchschnittliche Einschulungsalter mit 6,6 Jahren tatsächlich zu hoch, räumt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, ein. Seither jedoch habe sich viel getan. So hätten die Bundesländer den Stichtag für die Einschulung schrittweise nach hinten verschoben, so dass Schulanfänger inzwischen durschnittlich gut 6,4 Jahre alt seien. Angepeilt seien etwa 6,3 Jahre. Schavans Vorstoß bezeichnete Kraus dagegen als "unglaublich weit weg von der Realität".

Einigermaßen flexibel ist die Regelung schon jetzt: Je nach Bundesland liegt das Einschulungsalter in Deutschland zwischen fünf und sieben Jahren. Im Regelfall kommen Kinder in die Schule, sobald sie das sechste Lebensjahr vollendet haben. Der Stichtag liegt je nach Bundesland zwischen dem 30. Juni und dem 31. Dezember. Eltern können die frühere Einschulung jedoch beantragen, sofern das Kind schultauglich ist. Der vierjährige Max wird aber erst einmal im Kindergarten bleiben - auch, wenn er anderen Jungen und Mädchen in seinem Alter in manchen Dingen voraus sein mag.

© sueddeutsche.de/bön

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