Frage an den SZ-Jobcoach Verliebt in den Kollegen - und jetzt?

Wöchentlich beantworten Experten in der SZ Leserfragen zum Berufsleben.

(Foto: Jessy Asmus)

Vanessa M. hat Gefühle für einen Kollegen, der ist aber fest liiert. Sie kann die Situation kaum noch ertragen, möchte sich beruflich aber nichts verbauen.

SZ-Leserin Vanessa M. fragt:

Prinzipiell gehöre ich zu den Leuten, die Privates und Berufliches trennen. Leider habe ich mich in einen Kollegen verliebt. Wir arbeiten nicht direkt zusammen, sehen uns aber im Rahmen eines Projekts etwa zweimal die Woche in Meetings. Anfangs habe ich abgewartet, ob die Gefühle von selbst wieder verschwinden, doch es wurde im letzten halben Jahr nur noch schlimmer. Manchmal habe ich den Eindruck, die Zuneigung beruhe auf Gegenseitigkeit, ich weiß jedoch, dass er in einer Beziehung lebt. Inzwischen ist die Situation für mich unerträglich. Ich würde gerne mit ihm darüber reden, will aber auf keinen Fall als unprofessionell gelten, mir beruflich etwas verbauen oder gar den Job wechseln. Was soll ich tun?

Christine Demmer antwortet:

Liebe Frau M., zuweilen trüben unsere Gefühle den klaren Blick für das Wahre, Gute und Richtige. Das geht vorüber, wurden wir als Kinder getröstet, und das stimmt ja auch. Aber bis dahin ist man ziemlich von der Rolle. Das Problem, so wie ich es sehe, heißt: Wie finden Sie zurück zu Ihren Prinzipien? Denn die scheinen Sie unterwegs verloren zu haben.

Heul doch!

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Heraus aus der für Sie unerträglichen Situation führen nur Wege, auf die Sie keinen Fuß setzen wollen. Die radikalste Lösung wäre der Jobwechsel, aber den schließen Sie kategorisch aus. Intern um Versetzung bitten möchten Sie nicht, weil dann Ihre Karriere an Schwung verlieren könnte. Als unprofessionell wollen Sie auch nicht gelten, deshalb dürfen Sie dem Kollegen nicht von Ihren Gefühlen erzählen. So etwas ist - Gleichberechtigung hin, Emanzipation her - in unserer Arbeitskultur absolut verpönt.

Und was soll es auch bringen? Wenn er ihre Gefühle nicht erwidert, wird ihm Ihr Geständnis hochnotpeinlich sein. Egal, ob er das mit einem verlegenen Lächeln überspielt oder Ihnen väterlich-verständnisvoll seine Schulter zum Ausheulen anbietet - Sie werden sich danach noch sehr lange Zeit höllisch über sich ärgern.

Beteuert er aber, es gehe ihm genauso, dann haben Sie gleich zwei neue Probleme an der Backe. Zum einen müssen Sie mit der Rolle der "anderen Frau" klarkommen. Zum anderen sind schwierige Affären zwischen Mitarbeitern in den wenigsten Betrieben willkommen. Bei den Kollegen schon, das belebt den Flurfunk. Aber nicht bei den Führungskräften. Die werten das mehrheitlich als "unprofessionelles Verhalten", und diesen Vorwurf wollen Sie sich doch nicht zuziehen.

Wenn Sie keinen der möglichen Lösungswege gehen wollen oder unter Verletzung ihrer beruflichen Ziele gehen können, dann bleibt Ihnen nur die überlieferte Methode Münchhausen: Ziehen Sie sich am eigenen Schopf aus der nach Ihren Worten unerträglichen Situation heraus! Fahren Sie für ein paar Tage weg und verordnen Sie sich die absolute Konzentration auf sich selbst: kein Handy, kein Laptop, allenfalls ein leeres Notizbuch. Stellen Sie sich in dieser Auszeit Ihr Leben vor, wie Sie es gerne hätten, privat und beruflich. Und dann machen Sie einen Plan, wie Sie dorthin kommen. Erst in groben Zügen, dann mehr und mehr ins Detail, bis Sie schließlich auf der Ebene von Maßnahmen angelangt sind.

Kann sein, dass Sie sehr lange an der idealen Gewichtung von Privat- und Berufsleben herumkauen müssen. Kann sein, dass Sie nach drei Tagen entdecken, dass Sie beruflich auf dem völlig falschen Dampfer sind. Alles kann sein, setzen Sie Ihren Gedanken keine Grenzen. Nur in einem einzigen Punkt müssen Sie das sogar tun: Verdrängen Sie bewusst jeden auch nur flüchtigen Gedanken an den Kollegen, der Sie aus dem Gleichgewicht gebracht hat! Dann kommen Sie auch wieder ins Gleichgewicht zurück. Wenn es das ist, was Sie wirklich wollen.

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin und Coach in Deutschland und Schweden.

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