Ferienjobs"In der Mittagspause kündigte ich"

Die Schule ist aus, das Semester weit entfernt. Jetzt die Ärmel hochkrempeln und endlich mal im richtigen Leben anpacken. SZ-Autoren erinnern sich an ihre schlimmsten Ferienjobs.

Vergiftetes Geschenk

Der Job schien ein Hauptgewinn zu sein. Ich saß gemütlich am Telefon, vor mir ein Karton mit Postkarten. Meine Aufgabe: einen Absender nach dem anderen anrufen und ihm fröhlich gratulieren. "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!" Am anderen Ende der Leitung: Jubel, Glück, manchmal Freudentränen und private Bekenntnisse: "Endlich! Ich habe noch nie im Leben etwas gewonnen!" Dann seufzend: "Dass mein Mann das nicht mehr erleben darf! Er ist vor drei Wochen gestorben."

Zeit zum Zuhören blieb mir nicht. Die meist betagten Gewinner hatten eine lächerlich simple Preisfrage in einer Illustrierten beantwortet und ihre Telefonnummer auf die Postkarte geschrieben. Was sie nicht wussten: Ich sollte gar nicht erst prüfen, ob sie die Frage richtig beantwortet hatten, sondern einfach alle anrufen und dann nachhaken: "Wann dürfen wir Ihnen den Hauptgewinn vorbeibringen?" Der Gewinn, eine "Original Schwarzwälder Trachtenpuppe", war eine billige Replik und lag kistenweise in der Ecke des schäbigen Büros in einem Hamburger Vorort.

Was mir erst nach und nach dämmerte: Das Ganze hatte nur den Sinn, einen Termin für eine "kleine Weinprobe" zu vereinbaren. Ich sollte fragen: "Darf unser Mitarbeiter Ihnen dann auch ein paar gute badische Weine zur Verköstigung vorstellen?" Die meisten Gewinner sagten spontan: Ja, sicher! Den Überbringer eines Geschenks will man nicht düpieren. Dass sie nach der Weinprobe zur Kasse gebeten würden, ahnten sie nicht. In der Mittagspause kündigte ich.

Jutta Pilgram

Illustration: Jessy Asmus

2. August 2019, 04:512019-08-02 04:51:08 © SZ vom 03.08.2019/berk