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Bologna und Hartz IV:Bologna rechnet mit dem Schlimmsten

Aber was wäre die Alternative? Damit ist das zweite Hauptargument der Bologna-Befürworter berührt: Der frühere, wenig geordnete, oft genug chaotische Zustand war nicht haltbar. Er lief, als Überdehnung des Humboldtschen Modells von Einsamkeit und Freiheit in einer Massenuniversität, darauf hinaus, die Privilegierten, von Hause aus schon Vorgebildeten weiter zu bevorzugen, also auf eine Art Überleben der Fittesten, während die breite Masse hilflos zurückblieb und verheerend Lebenszeit vergeudete. So wird hier ein Klassenargument entwickelt: Hochmütige Bildungsbürger wollen an einem liberalen Chaos festhalten, das am Ende nur ihnen und den elitär-faulen Professoren nützt.

Schrille Dissonanz

Auch dieses Argument kann man ohne weiteres gelten lassen, ohne die daraus gezogenen Konsequenzen richtig zu finden. In der Tat konnte man in der bisherigen deutschen Universität, vor allem in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, regelrecht verlorengehen. Es gab auch Hunderttausende, die nur zum Schein studierten, es gab die Langzeitstudenten und die Abbrecher, die dabei allen Lebensmut verloren.

Doch die im Bologna-Prozess eingeleitete Gegensteuerung gleicht in ihrem Geist auf verblüffende Weise den Hartz-IV-Reformen. Sie rechnet nämlich mit dem Schlimmsten und setzt mehr auf Zwang und Kontrolle als auf Anreize und Angebote. Die Hartz-IV-Maßnahmen mit dem berechtigten Impuls, Fördern mit Fordern zu verbinden, sind ähnlich abhängig von konkreter Umsetzung wie der Bologna-Prozess.

Im Prinzip aber wird so getan, als suchten die Arbeitslosen gar keine Arbeit, sondern müssten dazu gezwungen werden - durch Nachweispflichten, materiellen Druck und durch ständiges Nachkontrollieren. Dass dieser Drohkulisse vielerorts gar kein funktionierender Arbeitsmarkt entspricht, steigert die Dissonanz ins Schrille.

Negatives Bild der Studierenden

Ähnlich rechnet nun die sich durch Bologna abzeichnende Neuordnung der Universitäten mit einem denkbar negativen Bild der Studierenden: Nicht nur mangelhaft vorgebildet, sogar unneugierig, studierunwillig müssen junge Menschen sein, denen man so durchgestaltete Studienpläne und -pflichten auferlegt.

Anstatt vor allem auf Resultate und Ziele zu schauen, werden die Wege festgelegt, als sei gar niemand imstande, sich selbst zu orientieren. So wie Hartz IV auf Arbeitsscheue und Transferleistungsabgreifer starrt, so wendet sich das bürokratisierte Bologna-Studium an den idealtypischen Bummelstudenten.

Kürzlich wollte ein Hartz-IV-Beamter in einer Göttinger Arbeitsagentur die Almosen im Becher eines Fußgängerzonenbettlers mit dem Hartz-IV-Satz verrechnen. Selbst den individuellen Spielraum, den jenseits der Bürokratie die Mildtätigkeit eröffnet, wollte dieser Verwalter einkassieren. Aus Hilfe wird so eine Abgabe, aus Zuwendung Pflicht. Auch das ist ein kleines Kapitel aus dem großen Max-Weber-Thema, dass jede Institution sich ihren Menschentypus heranbildet.

Sinkendes Europa?

Und das tut künftig natürlich auch die Bologna-Universität, die mit aller Gewalt den Antitypus zum Schreckbild des Langzeitstudenten und Studienabbrechers hervorbringen will, am Ende also eine Kunstfigur. Dieser eingeborene anthropologische Pessimismus, der bei Studierenden nicht zunächst mit neugierigen, für Anregung, Zuwendung und Hilfe dankbaren Menschen rechnet, sondern mit Überforderten und Desorientierten oder gar Arbeitsscheuen, denen man die Richtung vorgeben muss, er wird am Ende den guten Geist des Studierens aus den Unfreien Universitäten austreiben.

Die Menschenbilder von Hartz IV und Bologna - sie gleichen sich auf überraschende Weise. Diese Nähe ist womöglich ein Signum unserer Zeit, einer Epoche der wirtschaftlichen Stagnation, des demographischen Rückgangs, der klimatischen Turbulenzen. Eine solche Epoche war in Europa zuletzt das 17. Jahrhundert, die Zeit, in der der absolutistische Staat mit seiner bis dahin unerhörten Verwaltungsintensität sich formierte.

Sollte ein sinkendes Europa wieder in einer solchen Epoche angekommen sein und dabei unter dem ehrwürdigsten Namen seiner Universitätsgeschichte eben diese verspielen?

© SZ vom 16.07.2009/af

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