Beruf:Was wir eigentlich werden wollten

Wo gibt's heute schnelles Geld, junge Kollegen und die besten Drogen? Jedes Jahrzehnt hat den Traumjob, den es verdient. Eine Typologie.

Von Max Scharnigg

1 / 6

-

Quelle: Lego

Anwalt, Ingenieur, Einzelhandelskauffrau, Arzt - das sind Berufe, die hierzulande seit Generationen als ordentlich, erstrebenswert oder zumindest solide gelten. Jede Dekade in den letzten 50 Jahren hat aber auch diesen einen modischen Über-Job hervorgebracht, der von Eltern und Lehrern eher nicht als Wunschberuf ins Spiel gebracht wurde. Den man auch garantiert nicht am Arbeitsamt oder bei den Orientierungstagen angetragen bekam, schon allein, weil er nur über ziemlich unklare Ausbildungswege zu erreichen war. Gemeinsame Erkennungszeichen all dieser Modejobs: Es kursieren Gerüchte von sagenhaften Einnahmen, kunstvoll verlotterten Zuständen, erstaunlichen Zusatzgratifikationen und skandalösem Lifestyle.

Es sind Berufe, die nicht dem schnöden Broterwerb dienen, sondern eher dem jeweiligen Zeitgeist, die Ansehen bei den Gleichaltrigen versprechen und Kreative und Bummler gleichermaßen anlocken. Berufe, in denen niemand älter als 35 ist und man deutlich mehr Spaß hat als ein Ingenieur. Genau das eben, was man sich als 17-Jähriger unter dem Wort "Traumberuf" so vorstellt.

2 / 6

1965: Rockstars - Lange Haare & kurze Lunte

-

Quelle: lego

Darum ging es: Der Rockstar ist natürlich auch noch in späteren Jahren immer wieder ein berufliches Vorbild in Jugendzimmern und den hinteren Sitzreihen im Schulbus. Aber in den Sechzigerjahren wird erstmals so richtig bekannt, was man sich darunter alles vorstellen darf: Dänische Model-Freundinnen und exzessive Partys in englischen Landhäusern (Rolling Stones) etwa, oder Tumulte und kreischende Mädchen-Mobs an jedem Flughafen (Beatles), dazu mit jeder Chartwoche neue Millionen auf dem Konto, wartende Privatflugzeuge, mitternächtlich umdekorierte Hotelsuiten und einen Sack voll schöner Drogen, die einem der Manager hinterherträgt. Ja, zum ersten Mal ist freiberufliches Künstlerdasein nicht nur wegen der Tagesfreizeit erstrebenswert. Und das alles lässt sich mit ein paar Akkorden erreichen, die man sich mit seinen Kumpels im Jugendzentrum ausdenkt? Das wäre doch gelacht, her mit Peter Burschs Gitarrenbuch! (das erschien aber erst etwas später)

Was daraus wurde: Entweder hat sich der Bassist irgendwann mit dem Gitarristen zerstritten. Oder das mit dem Sack Drogen war dann doch nicht so hilfreich für die dauerhafte Rockstar-Karriere.

3 / 6

1975: Journalisten - Mächtige stürzen & Rotwein süffeln

-

Quelle: lego

Darum ging es: In den USA bringen 1974 zwei Journalisten den Präsidenten zu Fall, ein Buch der Journalistin Alice Schwarzer wird 1975 zum vielfach übersetzten Bestseller, Günter Wallraff schleicht sich 1977 mit total irrem Schnurrbart undercover bei der Bild ein, die später trotzdem die Auflagenschallmauer von mehr als fünf Millionen Exemplaren durchbricht (heute 2,3 Millionen). Keine Frage: Die Siebzigerjahre waren das Jahrzehnt, in dem Journalisten nicht nur Macht hatten, sondern der Beruf sogar annähernd mit Geld und Glamour gleichgesetzt wurde. Betrunken auf Reiseschreibmaschinen einschlagen und in konspirativen Wohnungen RAF-Interviews machen? Bin dabei! Es ist auch jene Zeit, der der Kultjournalist Baby Schimmerlos später in der Serie "Kir Royal" nachtrauern wird, was Spesenrechnungen, Autorenberühmtheit und befreundete Duz-Prominenz angeht. Und am Ende dieser Epoche hat der Stern immerhin noch genug in der Portokasse, um umgerechnet 4,5 Millionen Euro für falsche Hitler-Tagebücher auf den Tisch zu legen. Wow!

Was daraus wurde: Portokasse, Spesenrechnung, Glamour? Nie gehört. Und Wallraff ist heute bei RTL.

4 / 6

1985: Börsenhaie - Schnelles Geld & New York City

Tambov, Russian Federation - June 21, 2014 Lego businessman minifigure in blue suit with black suitcase on white background. Studio shot. LEGO is a popular line of construction toys manufactured by the Lego Group (Billund, Denmark).

Quelle: mauritius images

Darum ging es: Oliver Stone erklärte es 1987 in seinem Film "Wall Street" der ganzen Welt: Um Millionengewinne zu machen, muss man nur in Manhattan rote Hosenträger und Nadelstreifenanzüge tragen, auf dem Rücksitz von schwarzen Limousinen mit dem Autotelefon spielen und dann im richtigen Moment mit einem Zettel an der Stock Exchange herumfuchteln. Passend zu diesen Kinobildern las man im Wirtschaftsteil unentwegt Geldmärchen, etwa von Menschen wie Paul Tudor Jones, der den kleinen Crash im Jahr 1987 vorhersagte und danach 100 Millionen Dollar schwerer war. Oder von Andy Krieger, der gegen den neuseeländischen Dollar wettete und über Nacht 300 Millionen Dollar machte - im zarten Alter von 32 Jahren. Wo genau dieses Wall-Street-Geld in den Achtzigerjahren eigentlich herkam, war egal. Über Nacht saßen jedenfalls in jeder Klasse drei Typen mit zu viel Haargel auf der Fontanelle und extrabreiten Schulterpolstern, die sich für das BWL-Studium die Finger wundschnipsten.

Was daraus wurde: Bret Easton Ellis hat es in "American Psycho" (1991) erzählt: Brutales Geldverdienen, menschliche Verkommenheit und Wahn liegen nah beisammen

5 / 6

1995: Werber - Eine Idee & dann nur noch teuer rumsitzen

-

Quelle: lego

Darum ging es: Zu Springer&Jacoby oder lieber zu Jung von Matt? Auf einmal kannte man nicht nur die Werbespots im Fernsehen, sondern auch diejenigen, die daran schuld waren. Diese Menschen hießen Werber. Es umwehte sie eine Aura aus Kreativität, Kundenhörigkeit und Koks. Sie trugen glatte, lange Haare und schwarze T-Shirts von Helmut Lang und durften alles, solange sie nur zur richtigen Zeit eine Idee hatten. Gerüchte über sagenhafte Monatsgehälter und Sekretärinnen auf Skateboards machten die Runde, ganze Abteilungen wurden angeblich zum Abendessen nach Mauritius ausgeflogen. Die Neunziger waren eben das Jahrzehnt, in dem überall Markennamen kleben mussten, angefangen beim Bund der Unterhose. Klar, dass die Werber in dieser Zeit eine endlose Party feierten. Und ebenso klar, dass man gerne dabei sein wollte und ein bisschen die Konsumkeule schwingen. Man musste ja selbst nicht daran glauben. So wie Ex-Werber Frédéric Beigbeder, der 2001 im Roman "39,90" wohlfeil und breitenwirksam mit dem Werbewahn abrechnete.

Was daraus wurde: Tja, die alten Werber haben backstage bei Helmut Lang irgendwie das Internet verpasst.

6 / 6

2005: Blogger - Millionen Leser & kostenlose Klamotten

-

Quelle: lego

Darum ging es: Zur Mitte der Nullerjahre gab es zwei aussichtsreiche Wege, schnell an großes Geld zu kommen: Man musste entweder auf einer US-Elite-Uni sehr eng mit den It-Nerds rumhängen. Oder gut angezogene Menschen und sich selbst auf der Straße knipsen und das Ganze ins Netz stellen. Letzteres hat der New Yorker Scott Schuman im Jahr 2005 begonnen und damit das idealtypische Erwerbsmodell der Generation Akku-leer vorgelebt. Seitdem haben erfolgreiche Blogger alles, was man sich unter der Buchstabenfolge N-e-i-d nur vorstellen kann. Sie werden in die schönsten Hotels geflogen, sitzen bei der Fashion Week in der ersten Reihe, bekommen tonnenweise Produktproben und werden für jeden digitalen Auswurf von den Lesern gefeiert und den Firmen bezahlt. Schumann macht heute angeblich ein knappe halbe Million Dollar pro Jahr, seine weiblichen Pendants kommen auf ein Vielfaches. Und das alles mit schön Rumstehen vor der Backsteinmauer? Kein Wunder, dass jeder 14-Jährige umgehend "Wie Blogger werden??" bei Google eingab.

Was daraus wurde: In 98 Prozent der Versuche nix. Der Rest nennt sich heute Influencer.

© SZ vom 11.03.2017/mkoh
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB