Belastung am Arbeitsplatz Jeder fünfte Arbeitnehmer fühlt sich überfordert

Manchmal ist die Arbeit zu viel: Obwohl Stress zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle ist, gibt es keine Anti-Stress-Verordnung.

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  • Ist das Arbeitsleben stressiger geworden und macht die Dauerbelastung krank? Darüber sind sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände uneins.
  • Beide Seiten versuchen, ihre Position wissenschaftlich zu untermauern.
Von Sarah Kempf

Wenn das Smartphone spätabends noch klingelt und berufliche E-Mails auch im Urlaub eintreffen, fällt es Arbeitnehmern schwer, sich zu entspannen. Darüber, ob permanente Erreichbarkeit und flexible Arbeitszeiten auf Dauer auch psychische Krankheiten verursachen, sind Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände jedoch uneins. In der Debatte um die Einführung einer Anti-Stress-Verordnung bemühen sich daher beide Seiten, ihre jeweiligen Forderungen wissenschaftlich zu untermauern.

So ergab jetzt eine Umfrage durch das Institut TNS Infratest im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, dass sich etwa jeder fünfte Arbeitnehmer oftmals von seiner Arbeitssituation überfordert fühlt. 70 Prozent der Befragten sagten, sie hätten den Eindruck, dass die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren zugenommen habe. Die Ergebnisse seien ein klarer Handlungsauftrag an Arbeitgeber und Politik, sagte der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske. "Wir brauchen verbindliche Regelungen, um Stress und Entgrenzung einzudämmen." 77 Prozent wünschen sich solche Regelungen in ihrem Betrieb.

Gesetz gegen den Stress

Die Gewerkschaften fordern schon seit langem eine Anti-Stress-Verordnung. Das Gesetz soll verhindern, dass Angestellte mehr als acht Stunden täglich arbeiten und während der Freizeit berufliche E-Mails erledigen. Es soll auch festlegen, dass Unternehmen ein gutes Betriebsklima schaffen müssen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hatte die Forderung unterstützt und gesagt, es gebe einen Zusammenhang zwischen Dauererreichbarkeit und der Zunahme an psychischen Erkrankungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte dem Gesetz im vergangenen Herbst aber vorerst eine Absage erteilt.

"Platte Behauptung"

Die Arbeitgeber dürfte das gefreut haben. Sie wollen, dass betriebliche Schutzmaßnahmen freiwillig bleiben. Dass Arbeitsstress die Ursache für psychische Krankheiten sein soll, bezeichnete Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft VBW, als "platte Behauptung".

In einer Langzeitstudie des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie hatten Wissenschaftler im Auftrag der VBW seit 1994 rund 800 Münchner mehrfach zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrer psychischen Gesundheit befragt. Fast jeder fünfte Berufstätige gab an, schon einmal wegen einer psychischen Krankheit ausgefallen zu sein. Die Erkrankungen träten heute nicht häufiger auf als vor 20 Jahren, sagte der Psychiater und frühere Institutsleiter Florian Holsboer. Sie würden nur öfter diagnostiziert, da Menschen sich eher trauten, deswegen zum Arzt zu gehen.

Krankheitsursache sei die "Stresssumme"

Krankheitsursache sei nicht der Stress am Arbeitsplatz, sondern die "Stresssumme": "Wenn man morgens ins Fitnessstudio hetzt, danach im Stau steht und abends noch einkauft, entsteht chronischer Stress." Zu den Faktoren zählt er die ständige Erreichbarkeit nicht nur für den Arbeitgeber, sondern auch für Familie und Freunde. Ob aus chronischem Stress letztlich eine Krankheit erwachse, hänge auch von genetischen Bedingungen und Kindheitstraumata ab.

Obwohl die Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle sind, ist mit der Anti-Stress-Verordnung vorerst nicht zu rechnen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin soll bis zum Jahresende klären, wie etwa ein gutes Betriebsklima rechtlich definierbar ist. Über das Gesetz will man im Arbeitsministerium erst entscheiden, wenn die Ergebnisse vorliegen.