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Arbeitswelt:"Elternzeit sollte kein völliger Rückzug sein"

Wer Kinder und Beruf will, muss sich rechtzeitig über seine Wünsche klar werden. Rät Cornelia Spachtholz vom Verband berufstätiger Mütter. Schon bei der Partnerwahl sei eine wichtige Entscheidung zu treffen.

Interview von Dorothea Grass

SZ.de: Frau Spachtholz, wie findet eine Frau nach der Babypause wieder den Weg zurück ins Arbeitsleben?

Cornelia Spachtholz: Der Rückweg beginnt schon lange vor dem Moment, an dem man wieder in den Job einsteigt. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle: Wie lange hat die Frau vorher gearbeitet? Welchen Aufstieg hat sie in der Zeit gemacht? Wie lange war die Elternzeit, inwiefern wurde sie aktiv genutzt und wurde für die Zeit danach mit dem Chef vereinbart? Und nicht zuletzt: Wie vernetzt ist die Frau im Job, wie viel Unterstützung erfährt sie von ihrer direkten Umgebung, also von der Familie, vom Partner oder dem anderen Elternteil?

Beginnen wir mit dem Thema "Elternzeit": Wie lange dauert die idealerweise?

Das muss jede Frau selbst wissen. Natürlich hängt das auch vom Kind ab. Meine Empfehlung ist: so lange wie nötig, so kurz wie möglich. Ideal ist, die Elternzeit etwa für eine Weiterbildung zu nutzen, oder auch schon wieder in Teilzeit zu arbeiten. Es wäre schön, wenn wir irgendwann gar nicht mehr von "Wiedereinstieg", dem ein "Ausstieg" vorangeht, sprechen müssten, weil Mutterrolle und Job Hand in Hand gehen. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Was können Frauen also tun?

Ganz generell sage ich: Frauen, schaut nach vorne! Es bringt nichts, abzuwarten und die Elternzeit in völligem Rückzug von der Arbeitswelt zu leben. Wer Kinder und Beruf unter einen Hut bringen möchte, muss auch beides von Anfang an gemeinsam denken - sowohl bei der Partnerschaft als auch bei der Berufs- und Arbeitgeberwahl. Dazu gehört erst einmal, sich grundsätzlich zu überlegen, welche Laufbahn man anstrebt.

Wenn die Frau weiß, welche Tätigkeit und Position sie anstrebt, muss sie daraus ableiten, wie sie ihre Familien- und Karriereplanung am besten angeht. Wichtig ist, dass sie sich bewusst macht, wie sie ihr Leben leben möchte und nicht unüberlegt von einer Situation in die nächste stolpert. Wichtig ist auch, einen Plan B zu haben und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Frauen haben oft die Tendenz, die eigenen Bedürfnisse zu vergessen, sobald sich Nachwuchs ankündigt.

Welche Chancen sehen Sie in der Elternzeit?

Eine familienbedingte Auszeit vom Beruf kann der ideale Zeitpunkt für eine Orientierungsphase sein. Die Frau - oder auch der Mann - hat die Gelegenheit, in sich zu gehen und zu überlegen: Ist der bisherige berufliche Weg, den ich gegangen bin, noch der richtige für mich? Auch eine Qualifizierung während der Elternzeit ist eine Möglichkeit. Wichtig ist, dabei realistisch zu bleiben.

"Oft rutschen Frauen in die Armut ab"

Und was ist, wenn man sich dazu entscheidet, als Hausfrau beim Kind zu bleiben?

Das ist eine persönliche Entscheidung, die aber durchaus eine gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Dimension hat. Das traditionelle Modell geht spätestens dann nicht mehr auf, wenn eine grundlegende Änderung eintritt. Das Leben läuft oft anders ab, als man denkt. Frauen, die ihre Berufstätigkeit stark einschränken oder beenden, wenn sie Mutter werden, rutschen nach einer Scheidung oft in die Armut ab. Das aktuelle Familienrecht sieht vor, dass im Falle einer Scheidung Müttern von Kindern ab drei Jahren kein Unterhalt mehr zusteht, der Gesetzgeber geht davon aus, dass sie eigenständig für sich sorgen.

Darüber hinaus sollten die Frauen unbedingt auch ihre Altersvorsorge und Rente im Blick haben. Den geschlechtsbedingten aktuellen Rentenunterschied von durchschnittlich 60 Prozent zwischen Frauen und Männern thematisieren wir auch in unserem 2014 ins Leben gerufenen Aktionstag "Equal Pension Day".

Wie kann man als Paar versuchen, Gleichberechtigung zu leben?

Das Paar sollte von Anfang an darüber reden, wie es sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Aufgabenteilung vorstellt - und zwar schon dann, wenn der Kinderwunsch zum ersten Mal aufkommt. Ist ein Kind unterwegs, dann sollte das Paar ganz konkret die Aufteilung nach der Geburt des Kindes untereinander verbindlich abmachen. Ein Partnerschaftsvertrag kann dabei durchaus sinnvoll sein. Auf die vereinbarten Punkte sollte man danach auch bestehen. Was unsere politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angeht, sind wir von einer egalitären Partnerschaft noch weit entfernt.

Für Kinder, die ab dem 1. Juli 2015 geboren werden, können Eltern das neue, deutlich flexiblere ElterngeldPlus beantragen.

Das ist schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus kann ich eine in sich stimmige Familienpolitik nicht erkennen. Es gibt mehr als 150 Maßnahmen, die sich zum Teil widersprechen: das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Mitversicherung des Ehepartners, das Betreuungsgeld, Kindergeld, Elterngeld, die geförderten Teilzeit-Regelungen und vieles mehr. 200 Milliarden Euro werden dafür jedes Jahr ausgegeben.

Doch nach wie vor fehlen Akzeptanz und Unterstützung für andere Formen der Betreuung von Kindern oder zu pflegenden Angehörigen. Daher ist es wichtig, dass Frauen selbstbestimmter agieren und klar kommunizieren. Egal ob mit dem Partner oder mit dem Chef: Nur wer etwas sagt, kann auch gehört werden.

Der Verband berufstätiger Mütter setzt sich für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Dafür bietet der Verband mit Sitz in Köln Beratung, Weiterbildung und informiert zu Themen wie Gesetzgebung, politische Initiativen, gesellschaftliche Entwicklungen und Betreuungsproblematik.

© SZ.de/mkoh/liv
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