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Arbeitssucht:Besessen vom Job

Für Arbeitssüchtige wird das Büro zum Lieblingsplatz.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Wenn Urlaub als Übel wahrgenommen wird: Jeder siebte Deutsche ist gefährdet, arbeitssüchtig zu werden. Sogar anonyme Selbsthilfegruppen gibt es schon für krankhafte Workaholics.

Für Petra Mintzek war Leistung immer wichtig. "Schon in der Schule hatte ich trotz guter Noten das Gefühl: Du musst noch mehr machen." Als sie nach dem Abitur eine Lehre zur Bankkauffrau beginnt, verstärkt sich dieser Druck. Obwohl ihre Chefs sie loben, ist sie nie mit sich zufrieden und leistet unzählige unbezahlte Überstunden. Selbst wenn sie spätabends nach Hause kommt, denkt sie nur an den Job. Heute weiß die 42-Jährige, die mittlerweile als Lehrerin tätig ist: Sie ist arbeitssüchtig, ein Workaholic.

Petra Mintzek, deren Kollegen nichts von ihrer Sucht wissen und die daher ihren richtigen Namen nicht öffentlich nennen will, ist mit diesem Problem nicht allein: Jeder siebte Deutsche sei gefährdet, eine krankhafte Arbeitsfixierung zu entwickeln, schätzt der Bonner Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter. Etwa 400.000 Menschen seien akut arbeitssüchtig. Die Existenz der Betroffenen bestehe nur noch aus der Arbeit und minimalen Erholungsphasen für Schlaf, Essen und Hygiene.

Die Gedanken an den Job lassen sie häufig auch in der Freizeit nicht mehr los. Beim Plausch mit Freunden reden sie ausschweifend über ihre nächsten beruflichen Aufgaben oder checken nebenbei ihre geschäftlichen E-Mails. "Die Arbeit wird räumlich und zeitlich, physisch und psychisch entgrenzt", sagt Poppelreuter.

Permanent produktiv

Kann dann einmal partout nicht gearbeitet werden, weil etwa Feiertage anstehen, fühlen sich Workaholics unwohl. "Sie brauchen permanent das Gefühl, produktiv zu sein", erläutert Rüdiger Trimpop, Professor für Betriebspsychologie an der Universität Jena. Sie häufen daher sogar Aufgaben als Vorrat an. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden mit der höheren Belastung aber meist immer schlechter.

Die ständige Arbeitsbelastung setzt dem Körper dabei gehörig zu. Die Folgen seien Kopfschmerzen, Magenreizungen, Schwindel und Schlafprobleme, sagt Marianne Resch, Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Flensburg. Workaholics bräuchten dringend Erholung. Doch stattdessen putschten sich viele mit Kaffee oder Nikotin für den Job auf. "Das macht es ihnen natürlich noch schwerer, nach der Arbeit zu entspannen", sagt Poppelreuter. Um herunterzukommen, greifen viele zu Alkohol oder Medikamenten.

Petra Mintzek griff zum Essen, um Stress abzubauen. Nach vier Jahren und etlichen zugenommenen Pfunden kündigt sie ihren Job bei der Bank. Sie orientiert sich neu und beginnt ein Lehramtsstudium. "Bis zum Referendariat war dann auch alles deutlich entspannter." Doch in der Praxisphase kommt der Rückfall. Wieder stellt sie den Job über Familie und Freunde, sitzt bis frühmorgens am Schreibtisch, um den Unterricht vorzubereiten.

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