Antrag der SPD gegen Burn-Out Über das Ziel hinaus

Fast jeder kennt einen Burn-Out Fall in seinem Bekanntenkreis. Jetzt nimmt sich die SPD des Themas an: Arbeitgeber sollen Erkrankten länger ihren Lohn auszahlen. Doch der Antrag der Partei führt in die Irre.

Ein Kommentar von Guido Bohsem

Es war wohl der britische Autor Graham Greene, der einer breiten Öffentlichkeit den fiktiven Fall eines Karriere-Menschen in der Lebenskrise vorführte und einen solchen dabei erstmals als burnt-out case - als ausgebrannten Fall - beschrieb. Das war in den Sechzigerjahren des alten Jahrhunderts.

Es hat gut 50 Jahre gedauert, bis der Begriff in Greenes Sinne zum allgegenwärtigen Schlagwort, ja fast schon zu einem Klischee geworden ist. Der Burn-out, jener durch Stress hervorgerufene seelische Erschöpfungszustand, ist die Krankheit der Stunde, wenn man das so sagen darf. Kein Medium, das sich nicht mit dem Thema befasst hätte. Kein größeres Unternehmen, in dem es nicht behandelt wird, und kaum ein Mensch, der nicht einen burnt-out case in seinem Bekanntenkreis weiß.

Wenn ein Thema eine derartige gesellschaftliche Dynamik entfaltet, schaltet sich auch die Politik ein, und das kann danebengehen. Fast immer besteht die Gefahr, dass ein Thema nicht angemessen behandelt wird, denn meistens gibt es nur wenige, wirklich gesicherte Erkenntnisse. Trifft so ein Thema gar auf ungebremste Regulierungslust, geht es meistens schief.

Der Antrag der SPD zur Reduzierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Auf gut zehn Seiten haben die Sozialdemokraten ein Maximum an Vorschriften, Auflagen und Verpflichtungen zusammengetragen. Manches ist ganz vernünftig, vieles überzogen. Insgesamt wird weit über das Ziel hinausgeschossen. Nach der Lektüre bleibt eine Botschaft hängen: Die SPD will, dass Arbeitgeber ihren Beschäftigten möglichst keinen Stress machen - und wenn doch, gibt es eine Strafe. Im schlimmsten Fall müssen sie dem erkrankten Arbeitnehmer zwölf Wochen den Lohn weiterzahlen, anstatt wie üblich sechs Wochen.

Die Wenigsten leiden ausschließlich unter einem Burn-Out

Die SPD-Antrag geht in die Irre, weil psychische Belastungen niemals nur eine einzige Ursache haben. Niemand bestreitet, dass die Zahl der psychischen Krankheitsfälle in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Niemand bestreitet, dass auch der Arbeitsstress zugenommen hat. Es gibt Wissenschaftler, die darin einen Zusammenhang sehen. Erwiesen ist das nicht.

So steigt die Fallzahl auch, weil die Gesellschaft heutzutage deutlich toleranter mit psychischen Erkrankungen umgeht als noch vor ein paar Jahren: Inzwischen fällt es vielen Menschen leichter, mit ihrem Arzt über solche Probleme zu sprechen. Womöglich hat sich die Zahl der psychischen Erkrankungen also gar nicht erhöht, sondern es ertränken nun nicht mehr so viele ihr Leid einfach in Alkohol.

Zudem gibt es auch noch ganz andere und deutlich schlimmere Dinge als die Arbeit, die Stress verursachen und Menschen womöglich in die Depression treiben können: der Tod eines Angehörigen zum Beispiel, die Trennung vom Lebenspartner, ein schwerer Unfall oder eine Krebserkrankung. Die wenigsten psychisch Erkrankten sind ausschließlich burnt-out cases, und die Arbeitgeber zumindest nicht alleine verantwortlich.