Angst im Job:Gegen Stress hilft oft nur Umdenken

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Warum in Unterhose? Bei einem Vortrag vor Kollegen oder in der Fernsehshow trage ich Rock oder Anzug.

Wenn man in Unterhose dasitzt und alle anderen sind angezogen, denkt der Kopf, oh Gott, ist das ungewohnt und peinlich. Das ist zwar nicht das Gleiche wie im Studio oder auf dem Podium, aber bei meinem Training habe ich so schon mal in einer ungewohnten Situation Fragen beantworten müssen. Bei der Übung geht es nicht um die eigenen Speckröllchen, sondern um die Situation des Irgendwie-komisch-Fühlens.

Manchmal geben Angst und Stress aber auch den Kick, um Höchstleistungen zu vollbringen. Vor Publikum oder unter Zeitdruck sind wir dann besser als sonst. Woran liegt das?

In der Forschung wird Stress als Peitsche für das System beschrieben. Wenn man in eine Situation kommt, in der man funktionieren will, schüttet der Körper Adrenalin aus: Man kann schneller rennen, schneller denken, schneller gucken. Da gibt es viele Parallelen zur Angst.

Was passiert, wenn der Stress anhält?

Dann wird er extrem schädlich. Das ist vergleichbar mit einem Auto, das dauerhaft im vierten Gang mit 180 über die Autobahn fährt. Das ist schädlich fürs System.

Das heißt, ich muss die Ursachen für Stress abstellen?

Was sind denn alles Stressoren? Wir werden zugeschüttet mit Aufgaben, wir müssen ständig erreichbar sein, der Terminkalender explodiert, die Bahn kommt immer zu spät und dann gibt es auch noch sozialen Stress, weil man in den sozialen Medien vorgehalten bekommt, was für ein tolles Leben die anderen führen. Es ist unmöglich, alle diese Stressoren abzuschalten. Nicht jeder kann aussteigen und in die Südsee ziehen. Viel schlauer ist es, mit Stress anders umzugehen. Dann hilft es, sich zu fragen, ob mich die lästigen Termine heute stressen müssen oder ob ich sagen kann, ich habe heute einen spannenden Tag, ich bin locker drauf und werde viel erreichen.

Zu sozialem Stress gehören auch die Angst vor dem Versagen und die Sorge, negativ aufzufallen. Viele Menschen müssen dafür nicht erst auf die Bühne treten. Gibt es dagegen auch eine Strategie?

Ich war mal zu einem Vortrag bei einer Firma eingeladen. Es war sehr heiß und ich schwitzte. So sehr, dass man das auch an unangenehmen Stellen an der Hose sehen konnte. Aus Versehen bin ich auch noch aufs Damenklo gerannt, um mich zu akklimatisieren. Als mir das auffiel, habe ich mich eingeschlossen und bin abgehauen, als alle weg waren. Später habe ich mich dann mit dem Spotlight-Effekt auseinandergesetzt und gelernt, dass ich überreagiert habe.

Aber schon die Vorstellung ist doch ziemlich peinlich. Was kann dieser Effekt dagegen helfen?

Weil wir alle ständig mit uns selbst beschäftigt sind, nehmen wir an, dass auch die Gedanken anderer Leute um uns kreisen. Aber die haben andere Sorgen, als auf meine Schweißflecken zu gucken. Unsere Aufmerksamkeit ist limitiert. Deshalb der Appell: Ruhe bewahren und sich vor Augen führen, dass man nicht so wichtig ist, dass alle ständig auf einen achten würden.

Sind psychologische Tricks am Ende also der eigentliche Schlüssel zum Erfolg in Beruf und Millionenspiel?

Die Psychologie zeigt, dass Intelligenz am besten vorhersagt, ob jemand gut im Beruf ist. Deshalb ist in jedem Assessment-Center auch eine Intelligenztest-Komponente versteckt. Ich würde das trotzdem relativieren wollen. Wichtig ist auch die soziale Intelligenz: Wie gehe ich mit meinem Wissen um, wovon will ich wie viel wissen und wovon eher nichts. Die Psychologie hat bestimmte Hebel, die ich nutzen kann, um besser zu funktionieren. Aber Psychotricks sind kein Hokuspokus, mit dem man die Welt regieren kann.

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