Typologie der Erkälteten:Gesundheit!

Halb Deutschland schnieft und hustet gerade - die andere Hälfte hat gute Ratschläge. Eine kleine Typologie der Laienmediziner

Elena Adam und Christina Berndt

1 / 6

Der Saubermann

150228_spo_4

Quelle: SZ

Was er glaubt: Keime sind überall - und vor allem da, wo andere Menschen sind. Deshalb sind Fußballarenen genauso zu meiden wie Kaufhäuser und öffentliche Verkehrsmittel, auch Virenschleudern genannt. Wenn der Hunger schließlich doch in den Supermarkt ruft: Mundschutz und Handschuhe tragen; Geländer und Türklinken um Gottes Willen nicht berühren! Und Händeschütteln ist sowieso ein Relikt aus dem Kalten Krieg.

Was er nimmt: Lederhandschuhe in der U-Bahn, in der Kantine auf der Arbeit nutzt er auch schon mal die dünnere Latex-Version. Damit der Mundschutz nicht so auffällt, werden die Augen asiatisch geschminkt, und zur Not steckt immer ein Desinfektionsmittel in der Jackentasche.

Was es bringt: Der Saubermann gehört nicht zu den angenehmsten Zeitgenossen. Aber Handschuhe, Mundschutz und Desinfektionsmittel (wenn es auch Viren abtötet) helfen ihm tatsächlich, sich Keime vom Leib zu halten. Ein Bann fürs Händeschütteln, das wär's doch, meint der Kinderarzt. Mark Sklansky von der University of California in Los Angeles - "auch wenn das sozial etwas schwierig ist."

2 / 6

Der Abgehärtete

150228_spo_5

Quelle: SZ

Was er glaubt: Dass Friedrich Nietzsche in vielem recht hatte, vor allem aber darin, dass uns nur härter macht, was uns nicht umbringt. Man sieht ihn derzeit im kurzärmeligen T-Shirt und in seiner speziellen Ausprägung als Mega-Abgehärteter auch mit kurzen Hosen. Sein Fahrrad ist nicht nur ganzjähriges Fortbewegungsmittel, sondern sein Prophet.

Was er nimmt: Frische Luft als Dauerinfusion, auch eisgekühlt. Er geht gern in die Sauna - und danach am liebsten in den Schnee. Zu seinen Favoriten gehören ein paar Bastsandalen, barfuß im Winter.

Was es bringt: "Frische Luft ist sehr zu empfehlen", sagt Michael Kochen, früherer Direktor der Allgemeinmedizin der Uni Göttingen. Sie rege das Immunsystem an. Heizungsluft trockne dagegen die Atemwege aus; feine Risse würden zu Einfallstoren für Viren. Auch der Gang in die Sauna härtet ab, wie Studien aus dem saunierfreudigen Finnland zeigen. Eine Lösung für Anfänger ist es, die Beine nach dem Duschen kalt abzubrausen. Den Winter im Shirt zu verbringen, empfiehlt Kochen trotzdem nicht jedem: "Manche Leute sind nun einmal empfindlicher gegen Kälte."

3 / 6

Der Pflanzenfreund

150228_spo_9

Quelle: SZ

Was er glaubt: Die Natur hält für jede Krankheit das richtige Gegenmittel bereit. Weil es viel zu aufwendig ist, Heilkräuter selbst zu pflücken, kauft man sie besser in Tablettenform oder als Tee.

Was er nimmt: Gelomyrtol und Sinupret zum Schleimlösen sowie Vitamin C, damit der Infekt schnell wieder verschwindet. Zum Vorbeugen schwört er auf Zinktabletten. Hat es ihn dann doch erwischt, trinkt er literweise Salbeitee.

Was es bringt: Manchen Studien zufolge wirken die ätherischen Öle im Gelomyrtol. Die Stiftung Warentest und das Arznei-Telegramm halten den Nutzen dennoch nicht für ausreichend belegt. Das Gleiche gilt für Sinupret, in dem unter anderem Enzianwurzel und Schlüsselblumen enthalten sind. Dass Vitamin C vor Erkältungen schützt, konnten Studien nicht belegen - nicht einmal in hoher Dosierung, sagt der Pharmazeut Wolfgang Becker-Brüser vom Arznei-Telegramm. Nur bei Zink gibt es Hinweise, dass es, prophylaktisch eingenommen, eine Erkältung verkürzen könnte, es kann sie aber nicht verhindern. Ob Salbei, "die Heilende", wirklich hilft? "Die Entzündung sitzt nicht auf der Schleimhaut, sondern im Gewebe, das durch Tees oder Bonbons nicht erreicht wird", so Becker-Brüser. Viel trinken sei aber trotzdem wichtig.

4 / 6

Omas Liebling

150228_spo_7

Quelle: SZ

Was er glaubt: Je älter das Hausmittel, um so besser wirkt es. Wenn man früher ohne Medikamente ausgekommen ist, dann klappt das auch heute noch. Früher war ja eh fast alles besser.

Was er nimmt: Wadenwickel zum Fiebersenken und eine Salzspülung gegen die verstopfte Nase. Außerdem inhaliert er regelmäßig über einer Schüssel mit heißem Wasserdampf.

Was es bringt: Studien über Wadenwickel gibt es keine, dafür aber positive Erfahrungsberichte, dass das Fieber kurzfristig etwas sinkt. Inhalieren kann die Symptome bei einem akuten Infekt der Atemwege nicht lindern, das geht aus einer Untersuchung von Wissenschaftlern um den Allgemeinarzt Paul Little von der Universität in Southampton hervor. Viele Hausärzte empfehlen die Methode aber auch heute noch. Auch Nasenspülungen mit Salzwasser versprechen keine sofortige Linderung, eine abschwellende Wirkung hat das Salzwasser nämlich nicht. Es hilft aber, die Nase zu reinigen. Nur bitte nicht zu häufig, sonst trocknet die Nasenschleimhaut aus.

5 / 6

Der Pillenschlucker

150228_spo_6

Quelle: SZ

Was er glaubt: Viel hilft viel. Besonders, wenn es um Medizin geht. Deshalb kippt dieser Typus sich nicht nur einen Beutel Aspirin Complex ins Glas, sondern vier. Zwischendurch schmeißt er ein paar Kapseln Grippostad C ein, und vor dem Schlafengehen betrinkt er sich mit Wick Medinait.

Was er nimmt: Jede Menge Kombipräparate mit mehreren Bestandteilen, die alle Symptome auf einmal bekämpfen sollen.

Was es bringt: "Von allen Kombinationspräparaten sollte man besser die Finger lassen", sagt der Apotheker Wolfgang Becker-Brüser. Sie seien wenig kalkulierbar. Lieber das kaufen, was man wirklich braucht: ein Nasenspray oder Schmerztabletten. Klarere Wirkung, weniger Risiken.

6 / 6

Der Fatalist

150228_spo_8

Quelle: SZ

Was er glaubt: Er meditiert gern und nimmt das Leben, wie es ist. Oder er hat in den zurückliegenden fünf Wintern je drei Erkältungen gehabt. Seitdem glaubt er an nichts mehr.

Was er nimmt: Taschentücher kauft er nur im Sonderangebot ein - und dann gleich mehrere Großpackungen. Und wenn die Nase rot ist vom vielen Schnäuzen, lässt er's einfach laufen.

Was es bringt: Mehr als man meint. "Bei vielen Erkältungsmitteln ist die Evidenz ohnehin schwach", sagt der Allgemeinmediziner Michael Kochen. Deshalb sollte "jeder Mensch in sich hineinhorchen, was er für sich tun kann und will". Dann hört er auch, wenn er eben nichts tun will.

© SZ vom 28.02.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB