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Transplantations-Skandal:Alle hatten Kenntnis vom Regensburger Fall

Soweit funktionierte das System also im Jahr 2005, als in Regensburg der Fall einer unrechtmäßig nach Jordanien geschafften Leber bekannt wurde. Die Auffälligkeit wurde der Prüfungskommission gemeldet, die den Fall in einem 13-seitigen Bericht aufarbeitete. Dieser Bericht wurde unter anderem dem Bayerischen Sozialministerium, dem Justizministerium, dem Wissenschaftsministerium, der Klinikleitung des verdächtigten Transplantationsmediziners und der Landesärztekammer in München weitergeleitet; auch der Leitendende Oberstaatsanwalt in Regensburg wurde eingeschaltet. Alles, wie es sein muss, also. Aber dann: passierte nichts.

Wie konnte das sein?

Haben die Ministerien geschlampt? Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) reagiert gereizt: "Dieser Vorwurf geht völlig an der Realität vorbei", sagt sie, schließlich habe man doch den Staatsanwalt eingeschaltet, "zur Prüfung einer strafrechtlichen Relevanz".

Hat also der Staatsanwalt geschlampt? Nein, heißt es, die Verfahren seien eingestellt worden, da kein Verstoß gegen Straftatbestände nachweisbar gewesen sei.

Und die Mitglieder der Prüfungskommission, hätten sie daraufhin nicht nachhaken müssen? Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, schüttelt den Kopf, am Donnerstag auf der Pressekonferenz in Berlin. Das habe man getan. Auch auf die Frage, ob die Kammer keine disziplinarrechtlichen Schritte hätte einleiten können, aufgrund von Verstößen gegen das Standesrecht, winkt er ab. "Drei Behörden haben trotz eines ausführlichen und guten Berichts der Kommission kein Fehlverhalten festgestellt", sagt er. In so einem Moment falle es der Berufsorganisation schwer, mit harten Maßnahmen vorzugehen.

So wirkt der Regensburger Fall wie eine Kombination aus Wegschauen, Ungenauigkeit, Untätigkeit und Fehleinschätzungen. Ein drastisches Versagen vieler, das den Weg ebnete für weitere Betrügereien, später in Göttingen, und für den wohl größten Vertrauensverlust in der Geschichte der Organspende.

© SZ vom 10.08.2012/beu

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