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Transplantationen:Warum in Deutschland so viele Spenderorgane fehlen

Organspende

Etwa 11 000 Menschen warten derzeit auf ein Spenderorgan.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Der Transplantationsskandal hat Vertrauen zerstört. Der notorische Mangel an Nieren oder Herzen hat aber auch mit dem  Kostendruck an deutschen Kliniken zu tun.

Er muss die Tränen wegdrücken, sagt Peter Fricke. Jedes Mal, wenn er diese Art von Nachrichten hört: dass es weniger Organspender gibt. Diesmal ist es besonders schlimm. Fünf Jahre nach dem bundesweiten Skandal um Transplantationen ist die Zahl der Organspender auf einen nie dagewesenen Tiefststand gesunken. "Mir versetzt das einen Stich ins Herz", sagt Fricke. Und sein Herz ist ein besonderes Organ: Seit 1990 lebt der Vorsitzende des Bundesverbands der Organtransplantierten mit dem Herzen eines Toten. Ein gutes Leben, wie er betont: "27 wunderbare, geschenkte Jahre."

Vielen der etwa 10 000 Menschen, die jetzt auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, wird ein solches Glück verwehrt bleiben. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres hat es nur 472 postmortale Organspender gegeben, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) der SZ auf Anfrage mitteilte; im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es zumindest noch 496, und von Januar bis Juli 2012 - unmittelbar bevor bekannt wurde, dass Ärzte am Universitätsklinikum Göttingen Patientenakten frisiert hatten, um schneller an Spenderlebern zu kommen - waren es noch 648 gewesen. "Diese Entwicklung ist hochgradig beunruhigend, für die Menschen auf der Warteliste ein Drama", sagt Axel Rahmel, der 2013, mitten im Skandal, Vorstand der DSO wurde.

Dass seine Aufgabe schwierig würde, hatte Rahmel damals einkalkuliert. "Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass das Tief so lange anhält", sagt der Mediziner. Vor einem Jahr noch hatte er geglaubt, die Talsohle endlich erreicht zu haben. Doch jeden Monat zeigen die Analysen: Es läuft etwas schief in der Transplantationsmedizin und zwar dauerhaft.

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Im Jahr 2010 gab es noch etwa 100 Spender im Monat, inzwischen sind es nur noch 60

Häufig werden die wenigen Organspenden damit begründet, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Transplantationsmedizin durch den Skandal Schaden genommen habe. "Aber so einfach ist die Sache nicht", sagt Rahmel. Denn 81 Prozent der Bürger befürworten die Organspende weiterhin, so heißt es in einem Bericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vom Mai. Darin gibt zwar auch jeder Zweite an, dass die Manipulationen, die zunächst Göttingen und dann elf weitere Unikliniken betrafen, sein Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert habe. Aber nur jeder Achte hat deshalb seine Meinung zur Organspende geändert. Und der DSO zufolge erhalten Transplantationsbeauftragte, die in Kliniken mit Angehörigen von Hirntoten über die Möglichkeit einer Organspende sprechen, nicht mehr Absagen als früher.

Gewiss ist zudem: Der Rückgang der Spenderzahlen begann schon im Jahr 2010, also deutlich vor dem Skandal. Damals waren 100 Organspender pro Monat die Regel, jetzt sind es noch 60. Axel Rahmel macht dafür auch strukturelle Gründe verantwortlich - und die oft mangelnde Präsenz des Themas bei vielen Ärzten und Pflegern angesichts der zunehmenden Arbeitsverdichtung in den Kliniken. Ärzte spielen eine gern unterschätzte Rolle beim Niedergang der Organspende. "Gerade unter den oft schwierigen Rahmenbedingungen ist die Organspende sehr vom persönlichen Einsatz der Mitarbeiter in den Entnahmekliniken abhängig", sagt Rahmel. Und der sei durch die Manipulationen nicht gerade gefördert worden. Weil auch Ärzte Vertrauen verloren haben, engagierten sie sich womöglich weniger. Und dass es bislang kaum Sanktionen gegen betrügerische Ärzte gegeben hat, weil Gerichte keine Handhabe sahen, trage ebenfalls zur Verdrossenheit bei. Die Organspende lebe vom Engagement Einzelner, sagt auch Bruno Meiser, Präsident der internationalen Organvermittlungsstelle Eurotransplant. "Ärzte müssen motiviert sein, diesen mühsameren Weg zu beschreiten."

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4009 Organe wurden 2016 in Deutschland transplantiert. Deutsche Patienten bekommen mehr Organe aus dem Ausland als andersherum.

Denn häufig müssen sich die Mediziner, die etwas für die Wartelisten-Patienten tun wollen, sogar gegen ihre Klinikleitung durchsetzen. In manchen Krankenhäusern ist eine Beteiligung an der Organspende gar nicht erwünscht. So haben in den vergangenen neun Jahren 165 der 1260 Kliniken, die als Entnahmekrankenhäuser gelten, kein einziges Organ an die DSO gemeldet. So gehen nicht nur wertvolle Organe verloren; es wird auch der Wunsch von Menschen ignoriert, die nach ihrem Tod gerne spenden wollen.

Es sei einfacher und billiger, einen Bestattungsunternehmer zu rufen, sagt der Verbandschef

"Das ist katastrophal", sagt der herztransplantierte Peter Fricke. "Und das liegt auch am Kostendruck in den Krankenhäusern." Es sei schließlich einfacher und billiger, einen Bestattungsunternehmer zu rufen und ein Krankenbett neu zu belegen, als es für den Organspender und die nötige Hirntod-Diagnostik vorzuhalten; und später komme dann noch die Belegung eines Operationssaals für die Organentnahme hinzu. Für den ganzen Aufwand bekommen Kliniken relativ knapp bemessene Pauschalen - auch weil keine falschen Anreize für die Organgewinnung geschaffen werden sollen. "Aber hier geht es doch um Menschen, um Leben!", sagt Fricke. 2016 starben 937 Menschen auf der Warteliste, bevor sie ein Organ erhielten.

Fricke wünscht sich mehr politischen Einsatz für die Interessen der Kranken. Schon 2012 hat der Bundestag beschlossen, dass jedes Entnahmekrankenhaus einen Transplantationsbeauftragten benennen muss, damit mögliche Spender nicht übersehen werden. Doch bis heute agieren viele dieser Beauftragten, ohne dass ihre Tätigkeit genau definiert wurde; manche wurden sogar gegen ihren Willen mit der Aufgabe betraut.

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Ärzte des Universitätsklinikums Essen sollen in mindestens 25 Fällen gegen die Transplantationsrichtlinien verstoßen haben. Das berichtet die zuständige Prüfkommission. Die Verantwortlichen wehren sich gegen die Vorwürfe.   Von Christina Berndt

Sicher ist, dass etwas geschehen muss, wenn die deutsche Transplantationsmedizin sich nicht auflösen soll - und mit ihr die Hoffnungen vieler Schwerkranker, die ein Spenderorgan zum Weiterleben brauchen. "Die Lage ist auch im internationalen Vergleich dramatisch", sagt Eurotransplant-Präsident Meiser. In den Verbund werden nur Länder aufgenommen, bei denen ein ernst zu nehmendes Organspendesystem existiert - und das setzt etwa 10 Spender pro einer Million Einwohner pro Jahr voraus. Diese Zahl wird Deutschland 2017 womöglich nicht mehr erreichen. Ohne Eurotransplant aber würde es noch weniger Organe geben, denn Deutschland profitiert seit Jahren von der größeren Spendenbereitschaft in den anderen Ländern.