Stammzelltherapien Alle Journals sind Stammzellexperten unbekannt

Dennoch plant Mehling, seine Therapien spätestens im Jahr 2019 in Deutschland anzubieten. Er kennt den deutschen Markt bereits, seit 2013 verkauft er eine Kosmetikserie, die er von der Firma Bernecker-Cosmetics in Roetgen bei Aachen herstellen lässt. Die Cremes und Seren des Labels AlphaBlu enthielten Wachstumsfaktoren und Botenstoffe aus menschlichen Stammzellen, erklärt Klara Doert, Präsidentin für internationale Geschäftsentwicklung der Firma. Und deutet auf einen Stapel Broschüren auf dem Klinikflur.

Andere Forscher bemühen sich seit Jahren, einzelne Botenstoffe und Wachstumsfaktoren von Stammzellen zu isolieren und anzuwenden, den meisten gelang das bislang nur im Tierversuch. Nur einer Arbeitsgruppe um den Mediziner Horn gelang das bisher, in einem Heilversuch einer schwer kranken Patientin. Woran hoch spezialisierte Forschergruppen noch scheitern, will BHI längst gemeistert haben. Alle Faktoren, die gegen Entzündung und für eine Regeneration der Haut wichtig sind, seien in AlphaBlu enthalten, heißt es in den Firmenunterlagen.

Noch mehr Informationen über ihre Forschung hat Klara Doert in Form von USB-Sticks mit blau-weißem BHI-Logo bereit- gelegt, gleich neben Broschüren über AlphaBlu: "Hier können Sie alles nachlesen". Auf den Datenträgern ist zu finden, dass der Unfallchirurg seine Studien bislang in vier Fachjournalen veröffentlicht hat. In einer ging es um Stammzellen aus dem Nabelschnurblut für die Therapie von Querschnittslähmungen, in den übrigen dreien über den Einsatz bei chronischer Entzündung. Alle Journals sind Stammzellexperten unbekannt, noch dazu wird eines von ihnen von der Firma Waset, ein anderes von Omics International herausgegeben. Beide Unternehmen werden heute als Raubverleger bezeichnet, weil sie gegen Bezahlung Fachartikel offenbar ohne wissenschaftliche Qualitätskontrolle veröffentlichen.

In den vergangenen Jahren haben mehr als 5000 deutsche Forscherinnen und Forscher in solchen Zeitschriften publiziert, wie Recherchen von WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung ergaben. "In der Medizin kann es einzelnen Menschen schaden, wenn so publizierte Studienergebnisse zu einer falschen Behandlung führen", sagt Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg. Brian Mehling erklärt dagegen auf Anfrage der SZ, dass BHI sehr auf die Qualität der Studien achte: "Unsere klinische Forschung ist in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, die eine strenge Qualitätskontrolle haben und nur qualitativ hochwertige Studien enthalten."

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Keine der Arbeiten halte sich an die anerkannten Grundregeln klinischer Studien, erklärt hingegen Stammzellexperte Peter Horn. In hochwertigen Studien werden Probanden einer neuen Therapie mit einer Kontrollgruppe verglichen. "Hier findet sich keine", sagt Horn. Auch was mit den Stammzellen nach der Injektion im Körper passiert, sei in den Studien nicht nachzuvollziehen, sagt Martin Korte, Sprecher der interdisziplinären Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. "Es wurden laut Publikationen im Anschluss keine Gewebeproben entnommen, um das zu untersuchen", sagt der Zellbiologe. Etwa, ob sich die Stammzellen im Körper unkontrolliert geteilt und Tumore gebildet haben. "Auch wenn das Risiko dafür klein ist, müssen wir das immer wieder neu prüfen", sagt Korte.

Noch weiß niemand, was Stammzellen eines Tages bei welchen Erkrankungen werden ausrichten können. Das Potenzial ist groß. Doch bislang waren nur wenige neue Therapieansätze erfolgreich, und meist nicht mit Stammzellen aus Nabelschnur oder Fettgewebe. Bei Netzhauterkrankungen etwa, auch für Parkinson-Patienten sind neue Studien in Vorbereitung, und Einzelfallberichte zur Behandlung von Knorpelschäden liegen vor.

Doch Mehling und Kollegen von BHI sprechen in Vorträgen bereits davon, "lebensrettende Therapien" in die Welt zu bringen. Als Visionär bezeichnet Klara Doert ihren Chef, der eigentlich als Unfallchirurg tätig ist, in Kliniken und seinen Praxen in New Jersey und New York. Auf der Internetseite von BHI wird unter anderem sein Aufenthalt an der Harvard-Universität erwähnt, seinem Lebenslauf zufolge hat er dort drei Monate verbracht.