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Social Freezing:"Der Eierstock einer Frau ist keine Maschine"

IVF Spain, Reproduktions Klinik Alicante

Eine Frau sieht sich eingefrorene Eizellen in einem Labor im spanischen Alicante an.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Die Embryologin Viktoria von Schönfeldt erklärt, wie das Einfrieren von Eizellen funktioniert - und wie sicher es ist.

Als Embryologin beschäftigt sich Viktoria von Schönfeldt, 44, damit, was aus medizinischer Sicht im Bereich der Reproduktionsmedizin möglich ist. Sie sieht vor allem den Nutzen, den die Technik Frauen bietet, und stellt fest: Die meisten Frauen entscheiden sich nicht leichtfertig für die Kryokonservierung.

SZ: Wie darf man sich eine Kryokonservierung vorstellen?

Viktoria von Schönfeldt: Zunächst einmal muss sich die Patientin klarmachen, dass ein "Social Freezing" nicht mit einer Tablette erledigt ist. Dafür ist eine ausführliche Beratung, die über die Chancen und Risiken aufklärt, zwingend erforderlich.

Wie geht es weiter, wenn eine Frau sich für die Behandlung entschieden hat?

Das Vorgehen gleicht im ersten Teil einer Kinderwunschbehandlung: Zur Stimulation der Eierstöcke werden Hormone verwendet, die auch der Körper selbst produziert, um den Zyklus der Frau zu steuern. Dies ist notwendig, damit mehr Eizellen heranreifen als die ein oder zwei, die der natürliche Zyklus liefert. Üblicherweise beginnt die Frau am dritten Zyklustag, sich diese Präparate selber zu spritzen. Ab der ersten Woche wird die Eizellreifung regelmäßig kontrolliert.

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Ist dafür eine stationäre Aufnahme erforderlich?

Nein, die Überwachung erfolgt ambulant. Der Frau wird alle zwei Tage Blut abgenommen, um die Hormonwerte zu kontrollieren. Mittels Ultraschall wird die Entwicklung der Follikel überwacht. Wenn genügend Follikel herangereift sind, wird der Eisprung ausgelöst, und eineinhalb Tage später erfolgt dann die Eizellpunktion, bei der durch die Vagina die Eizellen entnommen, aufbereitet und am Ende bei minus 196 Grad Celsius eingefroren werden.

Wie lange dauert die Behandlung in der Regel?

Das ist individuell verschieden, aber man muss mit acht bis 14 Tagen rechnen.

Wenn in einem normalen Zyklus ein bis zwei Eizellen reif werden: Wie viele kann man durch die Behandlung produzieren?

Bei jüngeren Frauen mit einer guten ovariellen Reserve sind etwa zehn bis 15 Eizellen pro Versuch ideal. Diese Zahl kann man sinnvoll einfrieren, ohne dass die Gefahr einer Überstimulation zu groß wird.

Was sind die Risiken einer solchen Überstimulation?

In der schwersten Ausprägung kann ein Hyperstimulationssyndrom lebensbedrohlich sein. Durch moderne Medikamente und Stimulationsprotokolle sind hochgradige Überstimulationen aber heutzutage nur noch extrem selten.

Gibt es bei einer normalen Behandlung Nebenwirkungen?

Etwa ein Drittel der Frauen erleben milde Formen der Überstimulation. Hier kann es zu Spannungsgefühlen kommen. Weitere Symptome sind vergrößerte Eierstöcke und Übelkeit. Bei schwereren Formen der Überstimulation kommen Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum und eine erhöhte Blutgerinnungsneigung dazu. Man kann dem aber entgegenwirken, indem man die Medikamente zur Stimulation vorsichtig dosiert. Möglichst viele Eizellen sollten nie auf Kosten der Gesundheit der Patientin gehen.

Viktoria von Schönfeldt, 44, ist leitende Embryologin am Hormon- und Kinderwunschzentrum der Frauenklinik der Universität München. Sie klärt Frauen über die Chancen und Risiken von Social Freezing auf.

(Foto: Dietmar Lauffer)

Heißt das, man kann die Zahl der Eizellen sehr genau kalkulieren?

Der Eierstock einer Frau ist keine Maschine, die programmierbar ist, um eine gewünschte Zahl reifer Eizellen zu liefern. Aber es gibt Werte anhand derer sich die Reaktion des Ovars auf die Stimulationsbehandlung recht genau abschätzen und steuern lässt: Hier sind die Anzahl an noch unreifen Eibläschen am Zyklusbeginn und der Wert des Anti-Müller-Hormons gute Prognoseparameter.

Kann man sagen, wie viele Eizellen man in etwa für ein Kind benötigt?

Es gibt mittlerweile Studien, die sehr genau belegen, dass es eine klare Altersgrenze gibt: Bis zum 35. Lebensjahr darf man damit rechnen, dass mit zwanzig Eizellen die kumulative Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu bekommen, bei etwa 80 Prozent liegt.

Und ab 35?

Da kommt man mit 20 Eizellen maximal auf eine Wahrscheinlichkeit von etwa 40 Prozent, aber auch mit mehr Eizellen steigt die Wahrscheinlichkeit nicht mehr signifikant an. Das Alter ist deshalb sicherlich der zentrale Faktor. Am Ende bleibt der Eingriff eine Versicherung, keine Garantie. Man braucht eine ausführliche und individuelle Aufklärung, um den Nutzen nicht zu überschätzen und die Kosten nicht zu unterschätzen. Trotzdem bedeutet das nicht, dass man im Einzelfall nicht auch mit wenigen kryokonservierten Eizellen ein Kind bekommen kann.

Was kostet denn die Behandlung?

Die Zahlen schwanken natürlich, aber im Durchschnitt kostet eine solche Behandlung zwischen 2000 und 4000 Euro. Dazu kommt die Lagerung mit noch einmal 300 bis 600 Euro jährlich. Vergessen sollte man zudem nicht, dass auch das Auftauen und die Befruchtung der Eizellen noch einmal ähnlich viel kosten kann; pro Versuch wohlgemerkt.

Das bedeutet, dass sich das in der Praxis nur eine gut verdienende Frau leisten kann.

Das ist absolut richtig. Mittlerweile übernehmen die Krankenkassen aber zumindest die Kosten der Behandlung bei Frauen, die diese aus medizinischen Gründen in Anspruch nehmen müssen. Bislang gilt das allerdings leider nur für Patientinnen mit Krebserkrankungen.

Gibt es denn ein Alter, ab dem aus medizinischer Sicht die Befruchtung der Eizellen nicht mehr ratsam ist?

Was die Eizellen betrifft, eigentlich nicht. Wenn diese einer Frau im jungen Alter entnommen und korrekt gelagert werden, gibt es kein Verfallsdatum. Für das Herbeiführen einer Schwangerschaft jedoch gilt: Je älter die Patientin ist, desto risikoreicher ist die Schwangerschaft.

Wie viele Frauen nutzen ihre eingefrorenen Eizellen am Ende tatsächlich?

Neuesten Zahlen zeigen, dass bislang nur ein sehr geringer Anteil der gelagerten Eizellen aus dem Bereich des Social Freezing verwendet wird. Das Phänomen ist allerdings noch relativ neu, die Zahlen steigen womöglich noch. Deutlich höher ist die Nutzungsrate schon heute, wenn aus medizinischen Gründen eingefroren wird.

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