Seuchenschutz Multiresistente Keime in Ratten

In Berlin hat Sebastian Günther, Mikrobiologe der Freien Universität, Ratten-Fäkalien untersucht und viele resistente Kolibakterien darin entdeckt. 26 Prozent der Proben waren gegen mindestens ein Antibiotikum unempfindlich, fast 14 Prozent gegen mindestens drei Klassen von Antibiotika. Damit tragen die Ratten etwa doppelt so viele multiresistente Keime in sich wie der Durchschnittseuropäer. Günther vermutet, dass die Tiere die Keime in der Kanalisation aufnehmen, vor allem über Krankenhausabwässer.

So können die Erreger dann wieder zum Menschen gelangen. Bisse muss man eher nicht befürchten: Die Vorstellung, Ratten würden Menschen angreifen, ist abwegig. Ratten übertragen Keime in erster Linie durch ihre Ausscheidungen, die Lebensmittel und Badegewässer kontaminieren oder in Form feiner Stäube eingeatmet werden können.

Es ist gut möglich, dass sich Stadtbewohner in Zukunft häufiger mit diesen Fakten auseinandersetzen müssen. Die Städte wachsen, und sie bieten den Tieren bequemen Lebensraum. Der Mensch betrachtet die Ratten ja gerne als Plage, die aus unerfindlichen Gründen über ihn hereinbricht, und vergisst, wie üppig er sie füttert. Mit Fastfood-Überbleibseln, die in Büsche und Straßenecken geworfen werden, mit Speiseresten auf dem Komposthaufen und großzügig ausgestreutem Vogelfutter lockt er die Tiere in seine Nähe.

Zugleich sind Ratten immer schwerer zu bekämpfen. Derzeit wird ein Teil der Gifte vom Markt genommen. Moderne Rattengifte lassen die Tiere nicht tot neben dem Köder umkippen, sondern langsam innerlich verbluten, damit Artgenossen die Falle nicht erkennen. Diesen Tod wünscht man schon einer Ratte kaum. Weil an den Giften auch andere Tiere qualvoll verenden, wurde der Einsatz eingeschränkt. Nur noch professionelle Schädlingsbekämpfer oder andere geschulte Personen dürfen die heftigen Mittel anwenden. Zumal Ratten gegen die Substanzen resistent werden können. Das ist kein flächendeckendes Problem, doch in einzelnen Gebieten Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens vertragen 80 Prozent der Ratten die Gifte.

All das trägt dazu bei, dass die Wissenschaft sich zunehmend für die Ratte interessiert. Erste bundesweite Monitoring-Programme und Studien haben begonnen. Sie könnten auch unerwarteten Nutzen bringen. Als Forscher in New York Rattenkeime analysierten, fanden sie eine neue Variante des Hepatitis-C-Virus. Rattus norvegicus könnte aus diesem Grund zu einem neuen Tiermodell für die Hepatitis-Forschung werden.

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