Risiken der Reproduktionsmedizin:Den Abbruch der Behandlung zu empfehlen, fällt Ärzten schwer

Lesezeit: 4 min

Ärzte und psychosoziale Berater, die in der Bochumer Studie ebenfalls befragt wurden, hielten die Erwartungen der Patienten oft für unrealistisch. Jeder vierte Reproduktionsmediziner und jeder zweite psychosoziale Berater sagte, die Patientinnen seien häufig damit überfordert, über das Ende einer Kinderwunschbehandlung zu entscheiden.

Gleichwohl fällt es Ärzten schwer, von sich aus einen Abbruch der Behandlung zu empfehlen. "Das ist immer auch eine narzisstische Kränkung für den Arzt", sagt Ulrich Hilland, Ärztlicher Leiter des Fertility Center Münsterland und Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands. "Man fühlt sich dann schlecht als Arzt und muss das wahrnehmen und zulassen können." Doch nach vier oder fünf erfolglosen Behandlungszyklen ist für ihn die Grenze erreicht, er rät dann von weiteren Versuchen ab. "Man muss von Anfang an darüber reden, dass es keine Garantie für eine Schwangerschaft gibt." Aber manche Patientinnen wollten das nicht hören. "Die wechseln dann einfach in eine andere Praxis und machen weiter."

Hilland betont: "Ein Erfolg ist nicht nur die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes. Ein Erfolg ist es für mich auch, wenn ein Paar nach einigen Versuchen akzeptieren kann, dass sich sein Wunsch nach einem Kind nicht erfüllen wird, und beide mit sich im Reinen sind." Eine seelische Wunde bleibe immer zurück, aber sie könne vernarben. "Solange ein Paar ständig weitere Versuche unternimmt, reißt die Wunde immer wieder auf. Mit den gewachsenen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin ist es schwerer geworden, Kinderlosigkeit als Schicksal anzunehmen."

Oliver Rauprich schlägt vor, den Ausstieg aus einer wenig erfolgversprechenden Kinderwunschbehandlung durch eine verpflichtende Beratung zu erleichtern, bei der schon zu Beginn darüber gesprochen wird, wann die Bemühungen beendet werden sollen. In Großbritannien gehörten psychosoziale Beratungsgespräche zur Routine, in Deutschland nicht. Ulrich Hilland widerspricht: "Auch in Deutschland müssen sich Paare vor einer reproduktionsmedizinischen Behandlung über körperliche und psychische Risiken beraten lassen, und zwar von einem anderen Frauenarzt als dem, der die Maßnahmen durchführt." So schreiben es die Richtlinien über künstliche Befruchtung des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen vor. Demnach sollen auch die "seelischen Belastungen insbesondere für die Frau sowie möglich Alternativen zum eigenen Kind (zum Beispiel Adoption) eingehend erörtert werden."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema