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Reproduktionsmedizin:Mutter, Mutter, Vater, Kind

Die Samenzelle stammt vom Vater, die Eizelle ist aus den Zellen von zwei Frauen zusammengesetzt: Mit der "Drei-Eltern-IVF" können bestimmte Krankheiten beim Kind verhindert werden. In Großbritannien könnte die umstrittene Technik bald Realität werden.

Sechs Kinder hat Sharon Bernardi bekommen - und alle verloren. Zuletzt starb ihr Sohn Edward mit nur 21 Jahren. Er litt wie alle Geschwister unter dem Leigh-Syndrom, bei dem das Gehirn degeneriert. Zeit seines Lebens war Edward pflegebedürftig, am Ende hatte er Schmerzen. Für Sharon Bernardi steht daher fest, wie sie sich in einer gerade begonnenen öffentlichen Anhörung zur "Drei-Eltern-IVF" äußern wird.

Grafik "Drei-Eltern-IVF"

Wie aus zwei Eizellen eine wird.

(Foto: Quelle: HFEA/SZ-Grafik: Eiden)

Die britische Überwachungsbehörde für künstliche Befruchtungen, die HFEA, fragt derzeit im Internet, wie die Briten zu dieser In-Vitro-Fertilisation (IVF) unter Beteiligung von einem Vater und zwei Müttern stehen. Bernardi jedenfalls hätte liebend gern ihre Mutterschaft geteilt: "Ich wünsche anderen Paaren, dass sie diese Technik nutzen können, damit ihnen erspart bleibt, was wir ertragen mussten."

Das Leigh-Syndrom ist eine Erbkrankheit, aber eine besondere: Beschädigt ist nicht das Erbgut im Zellkern. Die Genfehler betreffen vielmehr jenen winzigen Teil des Erbguts, der sich in den Mitochondrien im Zellplasma befindet. Diese erben Kinder ausschließlich von ihren Müttern. Sie sind für die Energieversorgung der Zelle zuständig, haben aber keinen Einfluss auf das Äußere eines Menschen oder seinen Charakter. Bei etwa einem von 200 Kindern gibt es Fehler im Mitochondrien-Erbgut. Die meisten wirken sich nicht oder nur milde aus; eines von 6500 Kindern aber leidet unter schweren Folgen wie Muskelschwäche, Blindheit oder Herzfehlern.

Solche Krankheiten ließen sich mit einer neuen Technik verhindern, meldeten Forscher aus Newcastle upon Tyne vor zwei Jahren. Allerdings schlugen sie dafür einen Kunstgriff vor, der viele Menschen ebenso schockiert wie das Leid kleiner Kinder: Sie benötigen drei biologische Eltern für ein Baby. Der Vater spendet seinen Samen, die Mutter ihre Eizelle. Zusätzlich wird die Eizelle einer weiteren Frau ohne Mitochondrien-Defekte benötigt (Grafik). In diese Eizelle wird der Zellkern aus der Eizelle der Mutter eingesetzt, bevor sie mit dem Samen des Vaters befruchtet wird. Am Ende besitzt das Kind also Erbgut von drei Personen, auch wenn die Spenderin der Eizelle nur fünf Promille beiträgt.

Mit der Anhörung geht es der HFEA jetzt um die Frage, ob die Technik angewendet werden darf. Sollte sich ein positives Stimmungsbild ergeben, könnte die britische Regierung die Methode legalisieren, die auch in Deutschland verboten ist. Es gelte, den Wunsch der Eltern nach einem gesunden Kind gegenüber den Interessen der Gesellschaft abzuwägen, sagt die HFEA-Vorsitzende Lisa Jardine. "Bevor wir dem stattgeben, müssen wir sicher sein, dass wir am Ende verdammt glücklich sind."

Auch die so entstehenden Kinder könnten überfordert sein: "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie eines Tages nach ihrer zweiten Mutter fragen", sagt der Theologe Klaus Tanner von der Uni Heidelberg. "Kinder wollen wissen, wo sie herkommen." Nicht umsonst verbiete das deutsche Gesetz die "gespaltene Mutterschaft", wie sie durch Eizellspende oder Leihmütter entstehe.

Gleichwohl lehnt Tanner, "die Technik nicht kategorisch ab", auch wenn sie ein weiterer Ausdruck der Tendenz sei, "für alles eine medizinisch-technische Lösung zu suchen". Das klassische Bild der Fortpflanzung beginne sich mehr und mehr aufzulösen, betont Tanner: "Die Biologie hilft uns bei unserem Verständnis unserer sozialen Rollen nicht mehr weiter. Umso wichtiger ist das kulturelle Verständnis dessen, was Vater- und Muttersein bedeutet."

© SZ vom 18.09.2012/beu

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