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Public Health:Viele Länder gehen sehr viel weiter als Deutschland - ohne dass die "Gesundheitsdiktatur" ausbricht

Und solche Manipulation ist nur ein Faktor in einem riesigen Geflecht aus Einflüssen, die auf die Gesundheit eines Menschen einwirken. Stellt man beispielsweise alle Faktoren zusammen, die zum Übergewicht beitragen, bekommt man ein schwindelerregendes Diagramm, das von den Genen über die Einrichtung von Supermärkten bis zur Verkehrsplanung und Straßenkriminalität reicht.

Der Einzelne ist inmitten dieses Netzes längst nicht so frei, wie gerne postuliert wird. Es ist daher naiv bis unaufrichtig, permanent an die Verantwortung des Individuums zu appellieren. Beweg dich halt mehr! Trink weniger! Public-Health-Forschung weiß längst, dass Verhaltensänderungen um so schlechter gelingen, je mehr Verantwortung dem Einzelnen aufgebürdet wird. Es ist daher nur folgerichtig, dass ihm auch die Politik hilft, Zwänge der Umgebung zu lockern. Das ist sehr angenehm, solange es um neue Parks und Radwege, schicke Sportangebote und freundliche Beratungen geht. Doch manchmal ist es mit Faltblättern und Yogakursen nicht getan. Manchmal sind die Fehlentwicklungen so groß und gefährlich, dass auch Maßnahmen erwogen werden müssen, die für den Einzelnen unangenehm werden können.

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Die Food-Spione

Wenn Jugendliche auf Instagram und anderen sozialen Netzwerken Food-Fotos posten, sind selten gesunde Lebensmittel dabei. Wie die Industrie davon profitiert.   Von Berit Uhlmann

So sind die abschreckende Fotos auf Zigarettenschachteln zweifellos kein schöner Anblick. Aber sind sie wirklich der Willkürakt miesepetriger Bürokraten, die dem Deutschen inquisitorisch den Spaß verderben wollen? Natürlich nicht. Solche Bilder sind aus gutem Grund in mehr als hundert Ländern in Gebrauch. Sie sind ein Weg, genau jene manipulativen Ideen von Freiheit und Coolness zu unterlaufen, die die Tabakindustrie jahrzehntelang in die Köpfe der westlichen Welt gebrannt hat. Zusammen mit anderen Maßnahmen bieten sie eine Chance, dass erstmals seit Langem eine Generation heranwächst, die nicht von der Tabakindustrie manipuliert wird. Schaut man sich die heutigen Jugendlichen an, scheint die Rechnung recht gut aufzugehen.

Ein anderes Beispiel: Mindestens zehn Länder haben Steuern auf zuckrige Getränke eingeführt. Auch das ist für den Bürger an der Supermarktkasse nicht schön. Doch es bedeutet nicht, dass der raffgierige Fiskus sich nach Gutdünken über die Portemonnaies der Menschen hermacht. Ökonomisch betrachtet, ist der Schritt folgerichtig. Hier werden die externen Kosten, nämlich die teuren Folgen, die die Gesellschaft tragen muss, in den Preis einkalkuliert. Die Nachfrage sinkt dann, wie Daten aus den betroffenen Ländern zeigen.

Was ist Public Health?

Anders als die Medizin befasst sich Public Health nicht mit den Beschwerden individueller Patienten, sondern mit der Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Public-Health-Experten beobachten beispielsweise, wie stark die jährliche Grippewelle ausfällt oder welche Krankheiten neu auftreten. Sie beurteilen, welche Therapien am effektivsten und welche Präventionsvorhaben für wen sinnvoll sind.

In Deutschland wurden mit den Arbeiten von Forschern wie Robert Koch oder Rudolf Virchow wesentliche Grundsteine für die Disziplin gelegt. Doch seit die Nationalsozialisten im Namen einer Volksgesundheit grausame Verbrechen begingen, haben das Fachgebiet und seine Kernannahmen einen schweren Stand. Das wird auch deshalb zum Problem, weil Public Health längst eine globale Wissenschaft ist, die auch grenzüberschreitende Maßnahmen - etwa im Infektionsschutz oder im Vorgehen gegen multinationale Konzerne - ergreift. Deutschland sollte sich da auf Dauer nicht abkoppeln. Vor drei Jahren haben die Akademien der Wissenschaften Deutschlands Public-Health-Gemeinschaft großen Nachholbedarf bescheinigt. Insbesondere kritisierten sie die Zersplitterung der Forschung und eine Unklarheit über die Rolle und Verantwortlichkeiten ihrer Vertreter. Seither versuchen sich die Institutionen stärker zu vernetzen und auch in der globalen Gesundheit eine lautere Stimme zu bekommen. berit uhlmann

Oder: Italien und Frankreich haben vor Kurzem die Impfpflicht eingeführt. Das ist ein besonders drastischer Schritt, den man nicht gutheißen muss. Aber es ist keine Verschwörung zwischen Politik und Pharmaindustrie, um das Volk mit "Chemie" zu vergiften. Die Regierungen reagierten vielmehr darauf, dass sich immer mehr Menschen wie Schwarzfahrer benehmen. Sie profitieren von einem öffentlichen Gut, nämlich einem sehr gering gewordenen Erkrankungsrisiko, das es nur gibt, weil die Mehrzahl geimpft ist. Sie selbst wollen jedoch nichts zu diesem Gut beitragen. Die Impfpflicht korrigiert also unsoziales Verhalten.

Keiner dieser Schritte hat die Freiheit bankrottgehen lassen. Nirgends ist die "Gesundheitsdiktatur" ausgebrochen, in der Körperfunktionen kontrolliert und Bürger mit "schwarzer Pädagogik" entmündigt werden. Denn hinter all diesen Vorhaben stehen wissenschaftliche, ökonomische und ethische Prinzipien. Nur leider werden sie in Deutschland nicht ausreichend erläutert.

Nicht umsonst appellierten die Akademien der Wissenschaften vor einiger Zeit an die kleine und zersplitterte deutsche Public-Health-Community: "Wir empfehlen mit Nachdruck ein größeres öffentliches Engagement." Die Experten müssen dringend den Raum einnehmen, in dem ansonsten Misstrauen, Esoterik und Manipulationen wuchern. Und sie müssen dabei deutlich machen, dass es um gute, um schöne Ziele geht, die die gemeinsame Anstrengung wert sind.

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