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Psychotherapie:"Trotz der hohen Nachfrage gehen viele Praxen ein"

"Wir sind ständig ausgebucht und wünschen uns, dass wir nicht immer absagen müssten", sagt die Psychotherapeutin Kerstin Sude, die in einer Gemeinschaftspraxis in Hamburg-Eppendorf arbeitet. Bevor diese ihre Kassenzulassung erhielt, hat sie dort auch über Kostenerstattung behandelt. "Für die Patienten bedeutet das Ende der Kostenerstattung eine deutliche Verschlechterung. Und für junge Kolleginnen und Kollegen ist das eine mittlere Katastrophe", sagt sie. "Trotz der hohen Nachfrage gehen viele Praxen ein."

Doch die Krankenkassen zeigen sich unbeeindruckt von den Beschwerden der Psychotherapeuten und Patienten. Sie verweisen Patienten auf die neu eingeführten Sprechstunden, die Psychotherapeuten nun wöchentlich über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung bereitstellen müssen, um Patienten einen schnelleren Erstkontakt mit einem Therapeuten zu ermöglichen.

"Für die Patienten verringert sich damit die Wartezeit auf ein diagnostisches Erstgespräch, das ist gut", sagt Sude. "Aber wenn sie dann eine Richtlinien-Psychotherapie benötigen, haben die Therapeuten oft trotzdem keinen Platz frei. Das ändert nichts." Die Krankenkassen argumentieren außerdem, dass die niedergelassenen Therapeuten ihre Kassensitze einfach besser auslasten müssten, um mehr Patienten sehen zu können.

"Man kann nicht 40 Patienten die Woche behandeln"

"Man kann nicht 40 Patienten die Woche behandeln", sagt Sude, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung ist. "Für Patienten mit schweren Depressionen, Traumatisierungen und Angststörungen braucht man Zeit und Kraft. Die kann man nicht so durchschleusen."

Warum das alles? Der Eindruck drängt sich auf, dass die Kassen durch die neue Richtlinie vor allem Kosten sparen wollen. Das dürften sie eigentlich nicht: Im Juli stellte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP hin klar, dass Patienten nach wie vor einen Rechtsanspruch auf Psychotherapie haben und die Krankenkassen die Kostenerstattung in berechtigten Fällen nicht verweigern dürften.

Wer die Kraft und die psychischen Ressourcen hat, der kann auf der Suche nach einem Therapieplatz also auch den Rechtsweg bemühen. Sabine Harms hat sich inzwischen dazu durchgerungen. "Ich habe ein gutes Gefühl bei meiner Therapeutin", sagt sie. "Und ich brauche jetzt dringend eine Therapie. Ich habe Angst, irgendwann meinen Job zu verlieren, wenn ich nicht mehr rausgehen kann." Dafür legt sie sich jetzt mit ihrer Krankenkasse an. "Aber dass es soweit kommen musste, das ist schon bitter."

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