Süddeutsche Zeitung

Psychotherapie:Das lange Warten auf einen Therapeuten

  • Durchschnittlich 20 Wochen müssen Patienten auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten.
  • Grund dafür ist eine neue Richtlinie der Krankenkassen.
  • Anträge auf Kostenübernahme werden nur noch sporadisch bewilligt, obwohl es einen Rechtsanspruch darauf gibt.

Es gibt Tage, an denen Sabine Harms den Weg zur Arbeit mit dem Bus gut bewältigt. Aber immer öfter klappt das nicht. Schon beim Verlassen ihrer Wohnung bekommt sie Herzrasen und Schweißausbrüche, manchmal so heftig, dass sie wieder umdrehen muss.

Die 54-Jährige leidet unter Panikattacken und bräuchte schnell eine Psychotherapie, die Hausärztin drängt auch dazu. Aber so einfach ist das nicht. "Ich weiß nicht mehr, wie viele Psychotherapeuten ich in den letzten Monaten angerufen habe", sagt die Berlinerin, "bestimmt an die dreißig. Aber alle hatten keinen Platz frei. Dann fand ich endlich eine, die mich nehmen wollte. Und dann sagt die Krankenkasse: nein."

Die Psychotherapeutin, die Sabine Harms nehmen wollte, war eine junge, gut ausgebildete und approbierte - also staatlich zugelassene - Verhaltenstherapeutin mit dem Schwerpunkt Angststörungen. Doch sie hatte keinen Kassensitz, also noch keine Berechtigung, über eine Krankenkasse abzurechnen. Denn die Wartezeit für einen Kassensitz ist lang und beträgt nach der Approbation in der Regel mehrere Jahre.

Trotzdem war es bis zum vergangenen Jahr für approbierte Psychotherapeuten problemlos möglich, in Privatpraxen auch Kassenpatienten zu behandeln. Die so genannte Kostenerstattung machte es möglich: Konnten Patienten bei ihren Krankenkassen eine ärztliche Dringlichkeitsbescheinigung vorlegen und beweisen, dass sie keinen Kassenpsychotherapeuten gefunden hatten, durften sie auch in Privatpraxen eine sogenannte Richtlinien-Psychotherapie machen. Tausende Patienten fanden in den letzten Jahren auf diese Weise einen Therapieplatz.

"Seit einem Jahr bekomme ich kaum noch Anträge durch"

Auch Sabine Harms stellte mit ihrer neuen Psychotherapeutin einen Antrag auf Kostenerstattung. Doch seit die Krankenkassen im Zuge der neuen Psychotherapie-Richtlinie im April 2017 die Kostenerstattung geradezu kippten, werden Anträge nur noch sporadisch bewilligt - obwohl Patienten eigentlich einen Rechtsanspruch darauf haben. Viele junge Psychotherapeuten, die oft noch die Kredite für ihre langjährige und teure Ausbildung abzahlen müssen, sitzen nun auf dem Trockenen.

"Seit einem guten Jahr bekomme ich kaum noch Anträge für Patienten durch", sagt eine junge Psychotherapeutin aus Hamburg, die ihren Namen nicht nennen möchte, weil sie befürchtet, noch mehr Ärger mit den Krankenkassen zu bekommen. "Bei vielen großen Krankenkassen geht gar nichts mehr." Ein Sachbearbeiter habe neulich am Telefon sogar behauptet, es habe die Kostenerstattung nie gegeben, sagt sie. "Ich finde es schlimm, dass wir jetzt nur noch privatversicherte Patienten behandeln können oder auf ganz andere Tätigkeiten wie Coaching oder Stressbewältigung umsteigen müssen, um Geld zu verdienen. Die Leute stehen ja Schlange, um einen Therapieplatz zu kriegen."

Denn auch für die Patienten ist der Einbruch in der Kostenerstattung dramatisch. Laut der Studie "Wartezeiten 2018" der Bundespsychotherapeutenkammer müssen Menschen in Deutschland inzwischen im Schnitt fünf Monate auf den Beginn einer Psychotherapie warten, ein unhaltbarer Zustand für psychisch erkrankte Menschen. Die Psychotherapeuten mit Kassensitz können die vielen Anfragen schon lange nicht mehr bewältigen.

"Trotz der hohen Nachfrage gehen viele Praxen ein"

"Wir sind ständig ausgebucht und wünschen uns, dass wir nicht immer absagen müssten", sagt die Psychotherapeutin Kerstin Sude, die in einer Gemeinschaftspraxis in Hamburg-Eppendorf arbeitet. Bevor diese ihre Kassenzulassung erhielt, hat sie dort auch über Kostenerstattung behandelt. "Für die Patienten bedeutet das Ende der Kostenerstattung eine deutliche Verschlechterung. Und für junge Kolleginnen und Kollegen ist das eine mittlere Katastrophe", sagt sie. "Trotz der hohen Nachfrage gehen viele Praxen ein."

Doch die Krankenkassen zeigen sich unbeeindruckt von den Beschwerden der Psychotherapeuten und Patienten. Sie verweisen Patienten auf die neu eingeführten Sprechstunden, die Psychotherapeuten nun wöchentlich über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung bereitstellen müssen, um Patienten einen schnelleren Erstkontakt mit einem Therapeuten zu ermöglichen.

"Für die Patienten verringert sich damit die Wartezeit auf ein diagnostisches Erstgespräch, das ist gut", sagt Sude. "Aber wenn sie dann eine Richtlinien-Psychotherapie benötigen, haben die Therapeuten oft trotzdem keinen Platz frei. Das ändert nichts." Die Krankenkassen argumentieren außerdem, dass die niedergelassenen Therapeuten ihre Kassensitze einfach besser auslasten müssten, um mehr Patienten sehen zu können.

"Man kann nicht 40 Patienten die Woche behandeln"

"Man kann nicht 40 Patienten die Woche behandeln", sagt Sude, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung ist. "Für Patienten mit schweren Depressionen, Traumatisierungen und Angststörungen braucht man Zeit und Kraft. Die kann man nicht so durchschleusen."

Warum das alles? Der Eindruck drängt sich auf, dass die Kassen durch die neue Richtlinie vor allem Kosten sparen wollen. Das dürften sie eigentlich nicht: Im Juli stellte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP hin klar, dass Patienten nach wie vor einen Rechtsanspruch auf Psychotherapie haben und die Krankenkassen die Kostenerstattung in berechtigten Fällen nicht verweigern dürften.

Wer die Kraft und die psychischen Ressourcen hat, der kann auf der Suche nach einem Therapieplatz also auch den Rechtsweg bemühen. Sabine Harms hat sich inzwischen dazu durchgerungen. "Ich habe ein gutes Gefühl bei meiner Therapeutin", sagt sie. "Und ich brauche jetzt dringend eine Therapie. Ich habe Angst, irgendwann meinen Job zu verlieren, wenn ich nicht mehr rausgehen kann." Dafür legt sie sich jetzt mit ihrer Krankenkasse an. "Aber dass es soweit kommen musste, das ist schon bitter."

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Quelle:
SZ vom 08.09.2018/hach
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