Psychiatrie im Nationalsozialismus Kaum ein Klinikleiter widersetzte sich

So gut wie kein Klinikleiter, kein Lehrstuhlinhaber widersetzte sich dem Morden. Einer der wenigen Kritiker war Hermann Grimme, Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim, der sich weigerte, Listen für die T4-Aktionen zu erstellen. Er wurde zwei Jahre später wegen anderer Streitigkeiten verhaftet und abgesetzt, konnte dann aber als niedergelassener Psychiater weiterarbeiten. Das zeigt: Ein bisschen Widerstand wäre schon möglich gewesen.

Ein wenig bemühten sich die Kirchen. Die Vertreter der protestantischen Inneren Mission hatten zwar den Zwangssterilisationen noch zugestimmt, nicht aber den Morden. Den offenen Protest wagten sie nicht, konnten aber in vertraulichen Verhandlungen die Patienten einzelner Anstalten retten. Es war dann der populäre katholische Bischof Clemens August von Galen, der am 3. August 1941 in der Lamberti-Kirche in Münster offen von Mord sprach. Die Ausstellung zeigt eine Abschrift seiner Predigt, enge Schreibmaschinenschrift auf rosa Papier. Sie kursierte schon bald im Land und trug wohl mit dazu bei, dass bereits am 24. August 1941 die Aktion T4 gestoppt wurde.

Doch das Töten ging in unauffälliger Weise bis Kriegsende weiter, die Mordraten nahmen sogar noch zu. Und ausgerechnet der bereits erwähnte Valentin Faltlhauser, vor der Nazi-Zeit ein engagierter Reformpsychiater, ersann neue, perfide Mordmethoden. Er entwickelte eine fettfreie "E-Diät", bei der Menschen binnen drei Monaten den Hungertod starben. Bis zu 1600 Menschen krepierten in Kaufbeuren an Hunger und Gift, darunter mehr als 200 Kinder. Faltlhauser wurde 1949 "wegen Anstiftung zur Beihilfe am Totschlag" zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt, die er nie antreten musste. Zu sehen ist ein Zettel, auf dem er mit schnellen Strichen den Stammbaum einer Familie skizziert hat. Als Mitglied des Erbgesundheitsgerichts entschied er schon mal in neun Minuten darüber, ob ein Mensch Kinder haben durfte.

Das aber vielleicht traurigste Exponat der Ausstellung ist ein Brief, den ein Mann namens Bruno O. am 30. August 1943 an den Chefarzt der evangelischen Heil- und Pflegeanstalt Wittekindshof geschrieben hat: "Alle Hoffnungen auf Gesundung sind entschwunden, und man würde doch nur Gutes tuen, um so ein Menschenkind, welches nichts von der Welt weiß, nicht das geringste in sich aufnehmen kann doch nur Mitmenschen ewig zur Last fällt, eine Giftspritze verabreichen würde", schreibt O. "Für mich und meine Frau könnte es nur ein Erlös sein um hier die unnütz hinausgeworfenen Gelder meinen beiden kerngesunden Jungens zugute kommen zu lassen."

Es ist die Bitte eines Vaters um die Ermordung seines Sohnes.

Die Wanderausstellung "Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus" wird vom 26. März bis zum 13. Juli 2014 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin gezeigt, täglich von 10 bis 20 Uhr.