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Angststörungen:Fürchtet euch nicht

Nicht selten wird aus zu viel Angst eine psychische Störung. Jetzt veröffentlichen Fachgesellschaften neue Empfehlungen zur Behandlung von Angsterkrankungen.

Eigentlich ist die Angst eine sinnvolle Sache - schließlich kann sie einem das Leben retten. Doch gar nicht selten entgleist diese Reaktion. Betroffene haben eine übertriebene oder grundlose Angst, manchmal wissen sie gar nicht wovor. Leider werden diese Leiden immer noch häufig nicht rechtzeitig erkannt. So droht die Chronifizierung, viele Betroffene enden dann in der Sucht oder der Depression. Jetzt haben 20 medizinische Fachgesellschaften nach einem sechsjährigen Entwicklungsprozess eine sogenannte S3-Leitlinie zu Angststörungen vorgestellt. Sie klärt nach dem Stand der Wissenschaft auf, wie man krankhafte Angst erkennt und behandelt. Auf insgesamt 272 Seiten werden alle Fragen zum Thema beantwortet.

Was sind Angststörungen?

Es gibt verschiedene Formen. Der gemeinsame Nenner: Die Betroffen haben vor Dingen und Situationen starke Angst, wo unbelastete Menschen diese nicht empfinden. Panikstörungen sind plötzlich auftretende Angstanfälle, begleitet von körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Beben, Atemnot. Diese Attacken treten plötzlich auf - manchmal aus heiterem Himmel - und nehmen während circa zehn Minuten an Stärke zu. Bei der sogenannten Agoraphobie gesellt sich zu den Panikattacken eine große Angst vor bestimmten Orten, häufig in Menschenmengen und in engen Räumen wie U-Bahnen, Flugzeugen oder Fahrstühlen.

Bei der Generalisierten Angststörung kommen zu den üblichen körperlichen Anzeichen noch eher psychische Symptome wie Schlafstörungen und Nervosität hinzu.

Wichtig: Die Beschwerden tauchen nicht anfallsartig auf, sondern in wechselnden Kombinationen als unterschwelliger Dauerzustand. Die Patienten können meist nicht erklären, wovor sie überhaupt Angst haben.

Ganz konkrete Angst wiederum haben Menschen, die an Sozialer Phobie leiden. Sie vermeiden Sprechen in der Öffentlichkeit, fürchten Begegnungen mit Vorgesetzten oder dem anderen Geschlecht. Sie glauben, sich peinlich zu verhalten und negativ bewertet zu werden. Bei den Spezifischen Phobien schließlich beschränkt sich die Angst auf enge, isolierte Situationen oder Gegebenheiten der Natur. So gibt es Höhenangst, Spinnen- oder Katzenphobie.

Wie verbreitet sind diese Diagnosen?

Angststörungen sind noch vor den Depressionen die häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. In Deutschland sind jedes Jahr rund 15 Prozent der Bevölkerung betroffen. Dabei leiden gut zehn Prozent unter spezifischen Phobien, die das Leben nicht unbedingt stark einschränken müssen: Mit einer Schlangenphobie kommt man ganz gut durch eine deutsche Großstadt, eine Hundephobie hingegen kann belasten. Von Panikattacken/Agoraphobie sind sechs Prozent der Deutschen betroffen, von Sozialer Phobie 2,7 Prozent und von der Generalisierten Angststörung 2,2 Prozent. Angststörungen sind so weit verbreitet, dass sie enorme Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft verursachen.

Wann sollte man zum Arzt?

Vermutlich die Hälfte aller Angststörungen werden überhaupt nicht erkannt und deshalb nicht richtig behandelt. Ein wichtiger Grund: Die Betroffenen klagen beim Hausarzt vor allem über Schmerzen, Schlafstörungen und andere körperliche Beschwerden statt über die Angst. Die Leitlinien-Autoren raten, unter anderem folgende Fragen zu stellen: Haben Sie plötzliche Anfälle, bei denen Sie in Angst und Schrecken versetzt werden - insbesondere in engen Räumen? Haben Sie das Gefühl, ständig besorgt zu sein? Haben Sie Angst, dass andere Leute negativ über Sie urteilen könnten, Sie als dumm, peinlich oder ungeschickt ansehen könnten? Haben Sie starke Angst vor Dingen wie Insekten, Spinnen, Hunden, Katzen, Blut, Spritzen oder Höhe? Achtung: Umgekehrt kann die Angst auch ein Symptom körperlicher Erkrankungen sein, etwa von Lungen- oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Deshalb sollte man sich vor Beginn einer Psychotherapie immer auch von einem Arzt untersuchen lassen.

Was ist die beste Therapie?

Die neue Leitlinie empfiehlt Psychotherapie und/oder Pharmakotherapie. Besonders bewährt habe sich die kognitive Verhaltenstherapie, bei der die Patienten lernen, von destruktiven und negativen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen wegzukommen. Noch skeptisch geben sich die Autoren der Leitlinie hingegen gegenüber den zunehmend populären Internet-Therapien. Auch psychodynamische Verfahren seien eher Therapien der zweiten Wahl. Bei den Medikamenten setzen sie vor allem auf moderne Antidepressiva. Ausdrücklich gewarnt wird vor den immer noch häufig verschriebenen Benzodiazepinen (Beruhigungsmitteln). Diese können abhängig machen. Eine Besonderheit gilt für die Spezifischen Phobien. Für deren Behandlung werden gar keine Medikamente empfohlen. Häufig genügt eine sogenannte Expositionstherapie, in der der Patient massiv mit dem Auslöser seiner Angst konfrontiert wird: Wenn ein Spinnenphobiker drei Stunden Hautkontakt mit seinen Angsttieren hatte, geht es ihm in der Regel deutlich besser.