bedeckt München 29°

Psychiatrie:Hoffen auf Genetik und Neurologie

Unklar ist noch, was langfristig mit einer Störung werden soll, die sich "Hypersexual Disorder" nennt: Die Betroffenen leiden laut DSM-5-Entwurf seit mindestens sechs Monaten darunter, dass sie übermäßig viel Zeit mit sexuellen Phantasien und Handlungen verbringen. Diese Indikation soll gemeinsam mit der Internet-Sucht im Anhang des Katalogs stehen, einer Art diagnostischer Wartebank.

Solche Neuerungen, warnt Frances, würden zu neuen "falschen Epidemien" führen. Hingegen beteuern die DSM-5-Autoren, dass sie mit mancher Neuerung genau das Gegenteil bewirken wollen. So soll etwa die Einführung einer "Temper Dysregulation Disorder" (etwa: Stimmungs-Regulierungs-Störung) eben jener bipolaren Epidemie entgegenwirken, die derzeit angeblich unter den US-Kindern wütet.

Zu einfach machen es sich jene Kritiker, die eine möglichst geringe Zahl an psychiatrischen Diagnosen für optimal halten. "Es gibt natürlich Übertreibungen, aber auch Untertreibungen", warnt Mathias Berger von der Uniklinik Freiburg. Manche neue Diagnose sei nur eine Differenzierung. Und lange Zeit hätten die Psychiater schlicht vergessen, sich bei Erwachsenen Krankheiten anzuschauen, die sie bei Kindern und Jugendlichen regelmäßig behandelten: Wie konnte man eigentlich erwarten, dass ein Kind mit Asperger oder ADHS bei Erreichen der Volljährigkeit seine Störung einfach ablegt? Er erinnert sich, dass in den 80er Jahren noch kaum jemand die Bulimie kannte.

Wie schwierig das Urteil über die Aufnahme einer Diagnose ist, zeigt sich an einer der wichtigsten Neuerungen von DSM-5, der Entscheidung, prämorbide Symptome zu diagnostizieren. Demnach sollen die Psychiater in Zukunft unter anderem Ausschau nach einem sogenannten abgeschwächten Psychose-Syndrom halten, das als Vorstufe einer möglichen Schizophrenie gilt. Wer also als Jugendlicher seit mindestens einem Monat, mindestens einmal in der Woche Wahnvorstellungen hat, halluziniert oder durcheinander redet, gilt als Kandidat für diese verheerende psychische Krankheit .

Vor allem dieser Schritt empört Allen Frances: "Die Folge wird die totale Medikalisierung des Normalen sein, die ernst-hafte psychische Störungen trivialisieren und zu einer Flut unnötiger medikamentöser Behandlungen führen wird", schimpft der Psychiater: "DSM-5 könnte die Welt mit zehn Millionen neuer aber falscher Patienten füllen." Diese Behauptung ist nicht völlig absurd angesichts der Erfahrungen mit der Begehrlichkeit und Skrupellosigkeit der Pharmaindustrie, vor allem nicht in den USA, wo die Ärzte sehr viel mehr Pillen verschreiben - anstatt die eigentlich angezeigte Psychotherapie zu verordnen. Zudem ist die Gefahr real, dass Betroffene auf Dauer stigmatisiert werden.

Doch gerade deutsche Psychiater halten dagegen. "Nur weil jemand einen schizophrenen Bruder hat und sich etwas seltsam verhält, werde ich doch nicht einem 14-Jährigen gleich ein Neuroleptikum geben", versichert Falkai. Erstmal gehe es um weitere Beobachtung, vielleicht eine Verhaltenstherapie. Heute wisse man, dass die Schizophrenie eine Hirnentwicklungsstörung ist, die sicherlich in der frühen Kindheit beginnt, sagt auch Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit. "Die Diagnose und Therapie der Schizophrenie zum Zeitpunkt der ersten Psychose ist so etwas wie die Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen zur Zeit des ersten Herzinfarkts - nämlich häufig zu spät."

Übertrieben ist auch die Angst, dass in Zukunft Psychiater durch Schulflure und Pausenhöfe ziehen werden, auf der Suche nach neuen Patienten. Vielmehr gehört zu den vorgesehenen Kriterien des präpsychotischen Syndroms, dass die Betroffenen bereits von sich aus Hilfe suchen. Die DSM-5-Autoren nehmen also an, dass die meisten dieser jungen Menschen bereits im Gesundheitssystem behandelt werden, aber eben nicht die richtige Therapie erhalten. Falsch sei auch die Behauptung vieler Kritiker, dass nur ein Bruchteil der Menschen mit den entsprechenden Symptomen tatsächlich später an Schizophrenie erkrankt. Die vorliegenden Studien ermittelten Raten von mindestens 20 bis 40 Prozent.

Das Dilemma mit den möglicherweise stigmatisierenden falsch-positiven Diagnosen bleibt. Es wird sich erst lösen, wenn sich die derzeitigen Fortschritte in der Genetik und Neuroforschung auch im klinischen Alltag niederschlagen, sodass man mit Hirnscannern und Biomarkern zuverlässig diagnostizieren kann. Am National Institute of Mental Health in den USA etwa arbeitet bereits eine Forschergruppe an einer psychiatrischen Diagnostik, die nicht allein nach Symptomen, sondern nach Ursachen sucht. Wenn sie Erfolg haben sollte, wäre das wirklich eine Revolution.