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Organspende-Skandal in Regensburg:Zweifel an der Einzeltäter-Theorie

Der Organspende-Skandal fordert nun auch in Regensburg erste Konsequenzen: Der Leiter der Chirurgie darf vorerst nicht mehr arbeiten, weil er im Verdacht steht, bei der Kontrolle der Transplantationen versagt zu haben. Über dem Klinikum hängt die Frage: Manipulierte wirklich ein Oberarzt allein die Daten von 23 Patienten?

Christina Berndt

Zunächst war es ein Göttinger Skandal. Doch auch am Uniklinikum Regensburg wurden offenbar in großem Stil Daten manipuliert, um ausgewählten Patienten Spenderlebern zu verschaffen. Der Direktor der Regensburger Chirurgie wurde am Donnerstag beurlaubt. Ihm werde bisher nur vorgeworfen, seine Aufsichtspflichten verletzt zu haben, betonte Klinikumvorstand Günter Riegger während einer Pressekonferenz. Der beurlaubte Direktor äußerte sich nicht.

Organspende-Skandal: Neue Verdachtsfälle in Regensburg

Erst 23 Verdachtsfälle in Göttingen, jetzt 23 neue Verdachtsfälle in Regensburg. Zwei Mediziner sind bereits beurlaubt worden.

(Foto: dpa)

Gleich nach Bekanntwerden der Missstände von Göttingen habe das Klinikum Regensburg die Akten aller 250 dort zwischen 2003 und 2008 transplantierten Leberpatienten untersucht, so Riegger. Denn der Hauptverdächtige von Göttingen, ein 45-jähriger Transplantationschirurg, war in dieser Zeit leitender Oberarzt unter dem jetzt beurlaubten Chirurgie-Direktor in Regensburg.

Nun bestehe der Verdacht, dass in den Jahren 2004 bis 2006 auch bei 23 der 110 in dieser Zeit in Regensburg operierten Patienten manipuliert wurde, berichtete der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP). Dadurch hätten diese Patienten schneller eine Spenderleber erhalten, andere hätten dafür länger auf ein Organ warten müssen. Weitere Fälle seien aber nicht auszuschließen, sagte der sichtlich betroffene Minister. Er sprach von einer "menschlichen Katastrophe": "Hier wurde mit Lebenschancen verantwortungslos umgegangen."

In Göttingen soll der verdächtige Transplantationschirurg zusammen mit dem ebenfalls beurlaubten Leiter der dortigen Gastroenterologie in mehr als 20 Fällen Patienten durch Datenmanipulationen Spenderlebern verschafft haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bestechlichkeit und Tötungsdelikten. Beide Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.

In Regensburg gehen Ministerium und Klinikum von einem Einzeltäter aus. "Alle Manipulationen scheinen von dem Arzt veranlasst worden zu sein, der 2008 nach Göttingen wechselte", sagte Heubisch. Die Staatsanwaltschaft ermittle bereits im Klinikum.

Die Einzeltäterthese wird aus Sicht Rieggers dadurch bestätigt, dass die Manipulationen nach derzeitigem Kenntnisstand 2006 aufhörten. Denn Ende 2006 änderten sich die Vergabekriterien für Spenderlebern, der "Meld-Score" wurde eingeführt, bei dem die Dringlichkeit für eine Transplantation aus drei Blutwerten des Patienten errechnet wird. "Für Manipulationen am Meld-Score ist ein Netzwerk nötig", so Riegger. In den Jahren davor hätten Ärzte den Zustand eines Kranken auch im Alleingang dramatisieren können.

Die interne Kontrolle reicht nicht aus

In Regensburg sei der mutmaßliche Täter von Patient zu Patient ganz unterschiedlich vorgegangen. Hinweise auf Geldflüsse oder die Bevorzugung von begüterten Patienten gebe es nicht. "Ich glaube, dass krankhafter Ehrgeiz und Geltungssucht dahintersteckten", mutmaßte Riegger.

Gegen die These vom Einzeltäter spricht allerdings, dass die Zahl der Lebertransplantationen in Regensburg auch nach dem Weggang des verdächtigen Oberarztes weiter anstieg. Nachdem der nun beurlaubte Chirurgie-Direktor und der Oberarzt 2003 gemeinsam ihren Dienst in Regensburg antraten, stieg die Zahl der Lebertransplantationen in ungewöhnlich kurzer Zeit von etwa 10 auf 50 pro Jahr.

2009, im Jahr nach Weggang des Oberarztes, wurden sogar 69 Lebern transplantiert - ein erstaunlicher Zuwachs. Die größten deutschen Kliniken verpflanzen jeweils nur etwa 100 Lebern im Jahr. Zu den Zahlen nahmen weder das Klinikum noch der beurlaubte Direktor Stellung. Es würden aber auch die Patientenakten der Jahre 2008 bis heute untersucht, versicherte Riegger.

Die Regensburger Leberchirurgie war bereits 2005 auffällig geworden. Damals verschob der verdächtige Oberarzt eine Leber nach Jordanien. Der Klinikdirektor bestreitet bis heute die Verantwortlichkeit. Er sei von dem Arzt hintergangen worden.

Minister Heubisch forderte effektivere Maßnahmen gegen Missbrauch. Die Kontrolle dürfe den Kliniken nicht überlassen bleiben, sagte Eugen Brysch von der Deutschen Hospiz-Stiftung: "Unabhängige Experten müssen hinzugezogen werden." Das "interne Mehraugenprinzip" habe sich nicht bewährt. Heubisch appellierte an die Bevölkerung, "die Transplantationsmedizin nicht insgesamt zu verurteilen".

Dem stimmt Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrums am Münchner Klinikum Großhadern, zu: "Gerade jetzt sind Organspenden nötiger denn je. Die Patienten dürfen nicht darunter leiden, dass es möglicherweise unter Ärzten schwarze Schafe gibt."

© SZ vom 03.08.2012/beu

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