Gesundheit Uni Wien: Mikroplastik im Menschen nachgewiesen

Mikroplastik in verschiedenen Größen und Formen in einem Labor. Das österreichische Institut hat Partikel in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer in den Stuhlproben nachweisen können.

(Foto: Svenja Mintenig/Alfred-Wegener-Institut/dpa)
  • Plastik in Gewässern wie auch in Böden wird immer mehr zum Problem.
  • Forscher haben winzige Plastikpartikel nun auch in menschlichen Stuhlproben gefunden - und zwar bei Probanden weltweit.
  • Über die Folgen für die Gesundheit ist bislang wenig bekannt.

In einer Pilotstudie haben Forscher aus Österreich nach eigenen Angaben erstmals Mikroplastik im Darm von Menschen nachgewiesen. Die Kunststoffpartikel wurden in Stuhlproben von allen acht Studienteilnehmern gefunden, wie die Medizinische Universität Wien und das österreichische Umweltbundesamt am Dienstag mitteilten. Die Details der Untersuchung sollen am Dienstag auf einem Kongress in Wien präsentiert werden.

Die Probanden im Alter zwischen 33 und 65 Jahren, die auf verschiedenen Kontinenten leben und sich nicht kennen, führten demnach eine Woche lang ein Ernährungstagebuch und gaben anschließend die Probe ab. Alle Teilnehmer nahmen in dieser Zeit in Plastik verpackte Lebensmittel oder Getränke aus PET-Flaschen zu sich, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Uni Wien und des österreichischen Umweltbundesamtes. Die Mehrzahl der Probanden aß auch Fisch oder Meeresfrüchte, niemand ernährte sich ausschließlich vegetarisch.

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Die Experten des Umweltbundesamtes durchsuchten im Labor den Stuhl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach zehn der weltweit meist verbreiteten Kunststoffe. Bei allen acht Personen fanden die Forscher Mikroplastik im Stuhl, im Mittel waren es 20 Mikroplastik-Teilchen pro 10 Gramm Darminhalt. "In unserem Labor konnten wir neun verschiedene Kunststoffarten in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer nachweisen", erklärt Bettina Liebmann, die für Mikroplastik-Analysen zuständige Expertin im Umweltbundesamt. Vor allem die Vielfalt der Kunststoffe habe sie überrascht. Am häufigsten fanden sich Polypropylen (PP) und Polyethylenterephthalat (PET) in den Proben.

Ein Zusammenhang zwischen dem Ernährungsverhalten und einer Belastung mit Mikroplastik konnten die Wissenschaftler wegen der kleinen Zahl von Versuchsteilnehmern nicht herstellen. Nach Liebmanns Angaben ist vor der Studie noch nicht viel zum Thema Mikroplastik im Menschen bekannt gewesen. Nach der Präsentation der Daten auf dem Kongress soll bald die wissenschaftliche Publikation der Studie folgen. Geplant ist zudem eine größer angelegte Untersuchung, um die Auswirkungen der Partikel auf den menschlichen Organismus zu ermitteln.

In den Körpern von Tieren waren Forscher bereits in früheren Untersuchungen auf Mikroplastik gestoßen. Die größten Mengen fanden sich jeweils im Magendarmtrakt, jedoch waren kleinste Plastikteilchen auch in Blut, Lymphe und sogar in der Leber nachweisbar. Es gebe erste Anzeichen, dass Mikroplastik durch die Begünstigung von Entzündungsreaktionen oder Aufnahme schädigender Begleitstoffe den Magendarmtrakt schädigen könne, heißt es in der Mitteilung.

Mikroplastik gelangt unter anderem durch Autoreifen-Abrieb, Zerkleinerung von Bauschutt oder Kosmetika in die Umwelt, vielfach vor allem in Gewässer. Eine Studie im Auftrag von Chemiekonzernen, Kosmetikherstellern, Wasserverbänden, Abfallentsorgern und Hochschulen hat ermittelt, dass rund 330 000 Tonnen dieses primären Mikroplastiks pro Jahr allein in Deutschland freigesetzt werden. Sekundäres Mikroplastik entsteht dagegen durch Verwitterung und Zerfall großer Plastikteile.

Die winzigen Kunststoffpartikel tauchen überall auf dem Planeten auf, selbst in den entlegensten Regionen der Arktis und Antarktis sind Forscher bereits auf die Partikel gestoßen. Auch die Tiefsee ist nicht mehr unberührt. Über die Folgen für die Umwelt und die Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Menschen ist bislang jedoch wenig bekannt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält es derzeit nicht für möglich, eine gesundheitliche Risikobewertung für die Aufnahme von Mikroplastik über die Nahrung aufzustellen. Der Fund der österreichischen Forscher überrascht das Institut nicht. "Die Aufnahme von Mikroplastik in den Magendarmtrakt und damit der Nachweis im Kot ist erwartbar, da etwa Zahnpasta mit Mikroplastik auch versehentlich verschluckt werden kann oder Lebensmittel solche Teilchen als Kontaminanten enthalten können", teilte das BfR am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur mit.

Ein gesundheitliches Risiko durch Mikroplastik in Peelings oder Duschgelen ist laut BfR jedoch unwahrscheinlich. Bei dieser Partikelgröße sei eine Aufnahme über die gesunde und intakte Haut nicht zu erwarten. Allerdings gelangen die Teilchen ins Abwasser. Mikroplastik kann von Kläranlagen zudem nicht vollständig zurückgehalten werden.

In einer im August veröffentlichten Umfrage hat das BfR herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der Befragten besorgt über Mikroplastik in Lebensmitteln sind. "Das BfR führt derzeit Studien zur Aufnahme von Mikroplastikpartikeln über den Darm und den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen durch", erklärte BfR-Präsident Andreas Hensel dazu.

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