Magenverkleinerung:"Drastischer Anstieg" der Kosten

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"Wir haben in Deutschland Nachholbedarf, was die chirurgische Therapie der Adipositas betrifft", sagt Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München und Mitautor der Leitlinie. Die rein diätetische Behandlung starken Übergewichts scheitere regelmäßig. "Ab einem gewissen Ausmaß der Überernährung haben sich Magenumfang, Hormonhaushalt und Sättigungszentrum im Gehirn fest darauf eingestellt", erläutert Hauner. Das Gewichtsproblem habe sich dann verselbständigt und sei kaum noch zu durchbrechen. Die schlechte Prognose hänge aber auch damit zusammen, dass konservative Therapien unzureichend überprüft seien und von den Kassen häufig nicht bezahlt würden, so der Internist: "Die erforderliche Arbeit in diesem Bereich rechnet sich deshalb für viele Kliniken einfach nicht."

Das ist bei der Operation offenbar anders. Die DAK meldete einen "drastischen Anstieg" der Kosten durch bariatrische Eingriffe: 2008 habe die Kasse 406 Versicherten insgesamt zwei Millionen Euro dafür gezahlt, nunmehr seien es 4,6 Millionen für 656 Fälle. Nimmt man die Zahlen der DAK als Berechnungsgrundlage, liegen die jährlichen Gesamtkosten in Deutschland bei mindestens 45 Millionen Euro. "Die Operation wird deshalb häufiger gemacht, weil sie so wirksam ist", rechtfertigt Jürgen Ordemann den Boom.

Auf längere Sicht allerdings relativieren sich die beeindruckenden Ergebnisse. Der durchschnittliche Gewichtsverlust liegt nach zehn Jahren lediglich bei gut 20 Prozent des Ausgangsgewichts. Die genannte schwedische SOS-Studie zeigt eine nicht unbeträchtliche Rückfallquote bei operierten Diabetikern: Normalisierte sich anfangs bei mehr als 70 Prozent von ihnen der Blutzuckerspiegel, fiel der Anteil der Geheilten in den folgenden 15 Jahren auf 30 Prozent zurück. "Das sind trotzdem gute Ergebnisse," stellt Ordemann klar, "immerhin lässt sich so eine chronische Stoffwechselerkrankung in den meisten Fällen deutlich aufhalten - besser als mit jeder anderen Therapie."

Umstritten sind aber auch die Gefahren der einschneidenden Maßnahme. So können Darmverschlüsse und Blutungen auftreten und Nachoperationen nötig machen. Manche Nebenwirkungen lassen sich kaum verhindern: Wird bei dem Eingriff die Magen-Darmpassage verkürzt, wie es beim Magen-Bypass der Fall ist, treten in der Regel chronische Mangelzustände im Körper auf. Diese müssen die Betroffenen mit bestimmten Präparaten lebenslang ausgleichen, weil es sonst zu Blutarmut oder Osteoporose kommt. In der Schwangerschaft begünstigt das Nährstoffdefizit außerdem Früh- und Mangelgeburten. "Die Nahrungsergänzung muss üblicherweise vom Patienten selbst bezahlt werden," beklagt der Erlangener Theologe und Medizinethiker Jens Ried, "was über die Jahre erhebliche Privatkosten verursacht".

"Der Stoffwechsel ist für die moderne Lebensweise nicht gemacht"

Vitamine nimmt Hans-Georg Puhl nicht mehr ein, offenbar schadlos, wie er regelmäßig kontrollieren lässt. Umstellen auf das neue Bauchgefühl musste er sich allerdings schon: "Wenn ich etwas getrunken habe, muss ich erst warten, bis ich essen kann und umgekehrt." Ein ganzes Weißbier kriege er nicht mehr runter: "Zu viel Kohlensäure." Puhl geht es heute viel besser. Aber aus der Welt ist sein Problem nicht. Zur Nachsorge geht er regelmäßig.

Eine solche sei allerdings häufig unzureichend, kritisiert Jens Ried: "Der Eingriff zwingt genau den Menschen einen neuen Lebensstil auf, die zu diesem vorher nachweislich nicht in der Lage waren." Das könne zu erheblichen sozialen und psychischen Problemen führen. "Niemand isst schließlich nur, um satt zu werden", so der Medizinethiker. Es gebe sogar Hinweise auf erhöhte Suizidraten bei bariatrisch operierten Patienten. Insbesondere bei Jugendlichen sollte man Langzeitfolgen und Folgekosten genauer studieren, bevor das Verfahren weiter verbreitet werde. "Übergewicht ist ein komplexes Problem, das rein medizinisch nicht zu lösen sein wird."

In diesem Punkt pflichtet Jürgen Ordemann grundsätzlich bei - schon aus Kapazitätsgründen: "Würden wir alle operieren, welche die Kriterien erfüllen, wären das Millionen. Das ist nicht durchführbar." Prävention sei deshalb entscheidend, um die Adipositas-Epidemie in den Griff zu bekommen. "Das hat allerdings bislang trotz enormem Aufwand im Grunde nichts gebracht", bemerkt der Chirurg, "der menschliche Stoffwechsel ist für die moderne Lebensweise nicht gemacht." Von Verstümmelung durch eine Magenoperation bei starkem Übergewicht oder Folgeschäden möchte Ordemann daher nicht sprechen. Es ginge vielmehr um eine in vielen Fällen notwendige Anpassung des Körpers an bestehende Lebensbedingungen.

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