Pharmazie Spritze gegen Unlust

Vyleesi ist das zweite Medikament gegen die Luststörung bei Frauen.

(Foto: AP)
  • In den USA ist ein weiteres Medikament zugelassen worden, das Frauen helfen soll, die unter mangelndem sexuellen Verlangen leiden.
  • Die Wirkung ist mäßig, Nebenwirkungen sind häufig.
  • Ob der Bedarf groß ist, ist fraglich. Das erste Mittel dieser Art verkauft sich schlecht.
Von Berit Uhlmann

45 Minuten, bevor es ernst wird, muss der Autoinjektor gezückt werden. Auf Bauch oder Oberschenkel gedrückt, spritzt er ein Medikament in den Körper, das Frauen von quälender Unlust befreien soll. Bremelanotid heißt der Wirkstoff, Vyleesi das Medikament, das in den USA soeben als zweites seiner Art zugelassen wurde.

Das Präparat wurde in zwei klinischen Studien an mehr als 1000 Frauen getestet. Die meisten von ihnen griffen zwei bis drei Mal im Monat nach dem Medikament. Nach der Einnahme berichtete ein Viertel der Probandinnen über gesteigertes sexuelles Verlangen. Von den Frauen einer Kontrollgruppe, die ohne ihr Wissen ein Placebo erhielten, berichteten immerhin noch 17 Prozent über einen Zuwachs an Lust.

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Zugleich gaben 35 Prozent der Frauen nach der Gabe von Vyleesi an, weniger Stress bei der Aussicht auf Sex empfunden zu haben. In der Vergleichsgruppe vermeldeten 31 Prozent verringerte Stresswerte. Das ist kein großer Unterschied. Die Abweichungen schrumpften sogar auf null, als die Frauen nach ihrer Zufriedenheit mit dem Liebesleben gefragt wurden. Die neue Spritze brachte diesbezüglich keinerlei Verbesserung, so teilte es die US-Zulassungsbehörde FDA mit.

Zwei von fünf Anwenderinnen müssen mit Übelkeit rechnen

Dem geringen Effekt steht eine Reihe von Nebenwirkungen entgegen. Das von der US-Firma Amag Pharmaceuticals vertriebene Medikament kann zu Kopfschmerzen, Blutdruck-Erhöhung, starkem Erröten, in seltenen Fällen zu einer dunklen Verfärbung von Teilen der Haut - auch in Gesicht und Dekolleté - führen.

Bei der Hälfte der Betroffenen blieb die veränderte Hauttönung auch dann noch bestehen, wenn sie das Medikament nicht mehr anwendeten. Vor allem aber löst das Präparat Übelkeit aus, 40 Prozent der Frauen müssen mit Brechreiz rechnen. Mehr als jede achte Probandin benötigte in den Studien ein weiteres Medikament, das die Übelkeit bekämpfte.

Damit hat die Spritze ein ähnlich bescheidenes Nutzen-Risiko-Profil wie ein zuvor zugelassenes Medikament, das, als Tablette verabreicht, demselben Zweck dienen soll: der Beseitigung der weiblichen Luststörung. Auch Addyi (Wirkstoff: Flibanserin) wirkt nur mäßig und kann zu Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel führen. Ein besonderer Nachteil dieser Pillen ist, dass sie permanent genommen werden müssen, die Frauen aber während der Einnahmezeit keinen Alkohol trinken dürfen. Ansonsten droht ihnen ein gefährlicher Abfall des Blutdrucks, der bis zur Ohnmacht führen kann.

Zumindest diese Einschränkung hat die neue Spritze nicht. Ob sie aber angesichts des geringen Effekts und der Nebenwirkungen einen Markt finden wird, ist fraglich. Addyi, das bisweilen auch als Pink Viagra bezeichnete Vorgängermedikament, ist weit davon entfernt, ein Blockbuster der Branche zu sein. Das Mittel erbringt jährliche Umsätze von etwa zehn Millionen US-Dollar. Das für Männer entwickelte Viagra bringt seinem Hersteller mehr als das Hundertfache davon ein.

Ein Grund für den bescheidenen Erfolg sind wahrscheinlich auch prinzipielle Bedenken. Zwar listen sowohl das Handbuch der amerikanischen Psychiater als auch der Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation einen Mangel an sexuellem Verlangen ohne erkennbare körperliche Ursache als Krankheit auf. Dennoch bleiben grundsätzliche Zweifel: Gibt es überhaupt so etwas wie ein gesundes Maß an sexueller Lust? Wenn ja, muss ein Unterschreiten tatsächlich behandelt werden? In Europa ist man davon offenbar nicht überzeugt. Keines der beiden Medikamente ist auf dem Kontinent zugelassen.

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