Krebsbuch "Der König aller Krankheiten" Demut vor dem Tumor

Der Mediziner Siddhartha Mukherjee zeigt in seiner üppigen "Biografie" des Krebses, dass es trotz aller Fortschrittsrhetorik noch ein weiter, womöglich nie abgeschlossener Weg bis zur Heilung von Tumorerkrankungen sein wird. Das Manko des Buches: Zuweilen ist sein Stil ausschweifend, wuchernd und unberechenbar wie ein Krebsgeschwür.

Von Werner Bartens

Es gibt eine nie veröffentlichte Bestsellerliste der oft verkauften, aber selten gelesenen Bücher. Stephen Hawkings Werke und etliche Politiker-Biografien gehören vermutlich dazu. Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Salman Rushdies "Satanische Verse" sind auch heiße Kandidaten für die Top Ten. Der Versuch des Mediziners Siddhartha Mukherjee, eine Biografie des Krebses zu schreiben, dürfte sich bald ebenfalls weit oben auf der Liste finden.

Das liegt nicht nur daran, dass man mit dem fast 700 Seiten starken Wälzer problemlos jemanden erschlagen könnte. Auch der Inhalt ist stellenweise erschlagend. Der vergleichsweise junge Krebsexperte von der Columbia-Universität in New York - er ist Jahrgang 1970 - beschreibt mit oft ermüdendem Detailreichtum die vielen Umwege, Sackgassen und Fallen auf der Suche nach einer hilfreichen Behandlung von Krebs. Von Heilung sprachen selbst die optimistischen Ärzte lange nicht.

Gelegentlich macht die lebhafte Darstellungsweise dieses Buches die Medizingeschichte seit der ersten Beschreibung des Krebses durch Imhotep im Alten Ägypten um 2625 vor Christus herrlich anschaulich: "geschwollene Massen der Brust", heißt es da, oder: "sehr kühl, wenn deine Hand sie befühlt, nicht gekörnt, enthalten keine Flüssigkeit, entlassen keine Körpersäfte".

Bei ständiger Wiederholung ausufernder Einzelheiten möchte man aber irgendwann nicht mehr wissen, dass Sidney Farbers Labor in Boston im Jahr 1947 nur vier mal sechs Meter maß und schlecht belüftet im Souterrain lag, und dass der von der Krebsforschung besessene Pathologe sein Abendessen zu Hause in einem dunkel getäfelten Raum einnahm. Dass William Halsted, der in den 1890er Jahren eine radikale Operationsmethode bei Brustkrebs etablierte, ebenso morphiumsüchtig wie zwanghaft war, versteht der Leser schnell; trotzdem erfährt er noch, dass die kinderlosen Halsteds in Gesellschaft steif und unnahbar waren, keinen Besuch mochten und Vollblutpferde sowie reinrassige Dackel züchteten.

Siddhartha Mukherjee kennt fast immer das Wetter an dem Tag, an dem ein Forscher zu einem bedeutenden Vortrag reist. Oft weiß er sogar von der Menüfolge auf Kongressen und in welchem Eisenbahnabteil im Nachtzug von Berlin nach Frankfurt Paul Ehrlich erst ein paar Kollegen seine neue Therapieidee skizzierte, dann aber wenig später Kaiser Wilhelm II. mit seiner "staubtrockenen Abhandlung, bei der kein Ende absehbar war, langweilte", sodass der Monarch die Privataudienz vorzeitig beendete.