Kommentar:Der Feinstaub qualmt ins Wohnzimmer

Lesezeit: 2 min

Kommentar: Wer freiwillig die Feinstaubwerte des Stuttgarter Berufsverkehrs in seiner Wohnung erzeugt, ist selbst schuld.

Wer freiwillig die Feinstaubwerte des Stuttgarter Berufsverkehrs in seiner Wohnung erzeugt, ist selbst schuld.

(Foto: Daniele Levis Pelusi / Unsplash)

Duftkerzen und Räucherstäbchen sind olfaktorischer Selbstbetrug. Und wer tatsächlich das eigene Kind vollnebelt, dem gehören die allergenfreien Pastinakengläschen um die Ohren gehauen.

Eine Glosse von Patrick Illinger

Dass Räucherstäbchen irgendwie mit Rauch zu tun haben, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Wer also tatsächlich noch die Siebzigerjahre-Glühstängel im eigenen Wohnraum ansteckt, der nimmt entweder die Nachteile von Rauch - alias Feinstaub - wissentlich in Kauf, oder es ist eh schon alles egal, weil man zur Genussmaximierungen auch Filterlose raucht.

Kerzen haben da schon einen weniger verfänglichen Ruf, und erst recht die zurzeit so beliebten Duftkerzen. Eine geradezu segensreiche Wirkung schreiben viele Menschen sogenannten Duft-Diffusern zu. Unter diesem Begriff liefern einschlägige Shopping-Seiten im Internet ellenlange Angebotslisten. Da gibt es den Aroma-Öl-Diffuser mit Ultraschall-Technologie, LED-Anzeigen und Holzmaserung, ein anderer bietet sieben Farben und verstellbare Dunst-Modi, viele Modelle empfehlen sich zur "Aromatherapie", gerne beim Yoga, im Schlafzimmer, und, man staune, auch im Kinderzimmer. Eine Lampe aus Paris mit wohlklingendem Namen soll gar die Raumluft "reinigen".

Die Annahme, man könne durch Verbrennen die Luftqualität steigern, ist ein schlechter Witz

Was dahintersteckt? Die Antwort ist einfach: Eine Flüssigkeit, die erhitzt wird und verdampft. Im schlimmsten Fall geht da ein Paraffin-Derivat in die Luft, also ein Kohlenwasserstoff wie Benzin oder Erdöl. Im etwas weniger schlimmen Fall sind es Chemikalien, die marketingtaugliche Tarnnamen tragen. Tausende Substanzen kommen im modernen Alltag zum Einsatz, vom Waschmittel bis zur Klimaanlage in Apotheken. Und nicht jedes Duftmolekül, das die Nasenschleimhaut oder den Lungenflügel erreicht, ist ein unmittelbarer Raubbau an der Gesundheit, selbst wenn es in echt 2-Benzylidenheptanal heißt. Aber die weit verbreitete Annahme, man könne mit dem Verbrennen oder Erhitzen von Ölen oder Duftstoffen die Raumluft verbessern, oder gar die eigene Gesundheit, ist ein schlechter Witz.

Was denken eigentlich die Genießer von Duftlampen, Diffusern und Aroma-Therapien, was sie da einatmen? Ein Lebenselixir? Nein, leider ist die Antwort viel banaler. Sie lautet: Feinstaub und Chemie. Sicher riecht vieles deutlich angenehmer als der Wäschekorb, den man gestern eigentlich in die Maschine stecken wollte. Aber die Idee, künstliche Raumdüfte seien reinigend oder gesund, ist ähnlich absurd, wie der einst verbreitete Glaube, Mentholzigaretten seien gesünder als andere Tabakprodukte.

Dass Leibesübungen wie Yoga am besten in öltröpfchenschwangerer Luft stattfinden, ist olfaktorischer Selbstbetrug. Und wer tatsächlich das eigene Kind mit einem Diffuser begast, dem gehören die allergenfreien Pastinakengläschen um die Ohren gehauen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB