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Infektionskrankheiten:Die Viren überleben minus 20 bis plus 60 Grad

Das Perfide an den Noroviren ist ihre extreme Widerstandskraft. Auf einem Teppich haben sie nachweislich zwölf Tage überlebt, und Temperaturen zwischen minus 20 und plus 60 Grad halten sie mühelos aus. Die Übertragungswege sind vielfältig. "Man kann sich durch direkten Kontakt anstecken, aber auch durch Tröpfchen in der Luft, kontaminierte Oberflächen oder einen von einem Infizierten zubereiteten Salat", ergänzte Prystajecky.

Wie wenig gewöhnliches Desinfektionsmittel aus einem der neuerdings verbreiteten Spender den Erregern ausmacht, hat ein gut dokumentierter Fall gezeigt, von dem Ewen Todd, ein früherer Virenjäger der kanadischen Regierung, während der AAAS-Tagung berichtete. An einer Schule in San Francisco erbrach sich ein Schüler auf die Griffe einer Tür. Schnell war eine Putzfrau zur Stelle, und die Türgriffe wurden desinfiziert. "Trotzdem wurden in den folgenden zwei Tagen mehr als 300 Schüler und Lehrer dieser Schule krank", sagte Todd.

Die Viren verändern sich alle zwei bis drei Jahre

Die hochansteckenden Noroviren halten auf solche Weise jährlich Millionen Menschen vom Arbeiten ab und fordern unter Alten und Kindern auch Todesopfer. Zahlreiche Labors versuchen deshalb, einen Impfstoff zu entwickeln. Das sei aber nicht so einfach, berichtete Charles Arntzen von der Arizona State University. Denn die Viren verändern sich alle zwei bis drei Jahre erheblich. Zudem gelangen sie nicht wie andere Erreger in die Blutbahn, sondern greifen die Schleimhäute von Magen und Darm an. Es sei daher nötig, den Impfstoff über Nase oder Mund direkt auf die Schleimhäute zu geben, sagte Arntzen. In vier bis fünf Jahren, glaubt er, könnte so ein Vakzin zur Verfügung stehen.

Ob wir den Kampf gegen diese Viren am Ende gewinnen oder verlieren?", fragte sich Natalie Prystajecky. "Im Moment ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen." Wer persönlich möglichst ein Sieger bleiben will, sollte auf althergebrachte Hygieneregeln bauen, betonte Vinjé: "Man kann es nicht oft genug sagen. Was wirklich hilft, ist: Händewaschen, Händewaschen, Händewaschen." Aus diesem Grund können die weißen Spender mit dem Desinfektionsmittel sogar zum Risiko werden: Weil Menschen, die die vermeintlich schützende Alkohollösung verwendet haben, ihre Hygieneerziehung vernachlässigen.

Der "Risikofaktor Desinfektionsmittel" ist seit einigen Monaten sogar wissenschaftlich belegt (American Journal of Infection Control, Bd. 39, S. 296, 2011). Im Winter 2006/07 wütete in Neuengland eine besonders hartnäckige Noro-Epidemie. Betroffen waren, wie so oft, vor allem Altenheime. Als der "Epidemic Intelligence Service" der CDC schließlich ausrückte, stellte er fest: Das Risiko für die Senioren war sechsmal so groß, wenn das Pflegepersonal Desinfektionsmittel statt Wasser und Seife verwendete.

Immerhin werden auch klassische Reinigungsmethoden in Vancouver propagiert. An öffentlichen Waschbecken erklären sechsteilige Bildergeschichten, wie das noch geht, sich richtig die Hände zu waschen.

© SZ vom 21.02.2012/beu
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