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Infektion:Wieso die Blasenentzündung immer wiederkehrt

Krank machende Bakterien siedeln in den Zellen der Blasenwand

Aufnahme aus dem Elektronenmikroskop: Bakterien aus dem Urin einer Frau mit Blasenentzündung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)
  • Viele Frauen leiden unter wiederholten Blasenentzündungen. Forscher haben im Versuch mit Mäusen eine mögliche Ursache für das erneute Auftreten der Krankheit gefunden.
  • Offenbar ist das Zusammenspiel von zwei Bakterienarten verantwortlich.
  • Bestätigen sich ihre Erkenntnisse beim Menschen, könnten neue Behandlungsansätze entstehen.

Es ist lästig, wenn die Blase ihre Diskretion verliert. Permanent macht sie sich bemerkbar, signalisiert Harndrang, obwohl sie kaum gefüllt ist, zwickt und drückt bisweilen, das Wasserlassen schmerzt. Richtig belastend aber wird es, wenn die Blasenentzündung immer wiederkehrt. Während Männer nur selten erkranken, trifft es manche Frauen mehr als sechsmal pro Jahr. Jede vierte Patientin muss damit rechnen, innerhalb von einem halben Jahr eine weitere schmerzhafte Infektion zu erleiden.

Ärzte können den Frauen bislang kaum helfen, denn warum sie so häufig betroffen sind, ist unbekannt. Nun sind Forscher der Washington University in St. Louis einer Erklärung näher gekommen (Plos Pathogens). Anhand von Maus-Experimenten zeigten sie, dass offenbar zwei Bakterienarten für das erneute Aufflammen der Entzündung verantwortlich sind: Hauptverursacher von Harnwegsinfektionen sind Escherichia coli-Bakterien, die aus dem Darm in den Harntrakt verschleppt werden. Nach der Infektion können sich einige Bakterien in der Blasenwand einnisten und in diesem Versteck überdauern, unerreichbar für Antibiotika und die Waffen des Immunsystems. Gelangt nun zusätzlich der Vaginalkeim Gardnerella vaginalis in die Blase, so die Erklärung der Mediziner, kann er die schlafenden Coli-Bakterien reaktivieren.

Gardnerella ist in diesem Szenario lediglich ein Türöffner. Das Bakterium siedelt sich nicht dauerhaft im Harntrakt an und verursacht dort auch keine Symptome. Aber seine kurze Anwesenheit reicht offenbar, um Zellen in der Blasenwand zu schädigen und Coli-Bakterien freizusetzen, die dann erneute Entzündungen auslösen können.

Gezielte Therapien könnten die Gardnerella-Keime bekämpfen

Die Forscher hatten Mäuse erst mit Coli-Bakterien und vier Wochen später mit Gardnerella-Keimen infizierten. Mehr als die Hälfte der Tiere zeigten daraufhin Anzeichen einer neuen Blasenentzündung. Zwei Kontrollgruppen, die nach der Infektion mit Coli-Bakterien entweder einen anderen Vaginalkeim oder sterile Kochsalzlösung verabreicht bekamen, zeigten fünf Mal seltener Hinweise auf eine Entzündung.

Noch ist nicht nachgewiesen, dass die Infektion bei Menschen genauso abläuft. Dafür spricht jedoch, dass Mediziner bei Patientinnen mit häufigen Harnwegsinfekten auch mehr Gardnerella-Keime finden.

Bestätigt sich der Infektions-Mechanismus bei Menschen, seien auf dessen Basis neue Therapie-Ansätze "gut vorstellbar", sagt André Gessner, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Regensburg. Auch Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln, hält spezielle Antibiotika, die die vaginale Bakterienflora beeinflussen, für denkbar. Die bislang bei Blasenentzündungen eingesetzten Antibiotika helfen nicht gegen die Besiedlung mit Gardnerella-Bakterien.

Mehr als die Hälfte aller Frauen leidet mindestens einmal im Leben an einer Blasenentzündung. Sie sind so viel häufiger als Männer betroffen, weil Coli-Bakterien bei ihnen einen wesentlich kürzeren Weg vom Darm bis in die Blase zurücklegen müssen.

Interessant ist an der Arbeit der US-Mediziner auch die grundsätzliche Erkenntnis, dass Infektionen durch weitere Erreger getriggert werden können, die zum Zeitpunkt des Krankheitsausbruchs gar nicht mehr vorhanden sein müssen und daher leicht übersehen werden. Die Studienautoren halten es für möglich, dass dieser Mechanismus auch bei weiteren Infektionskrankheiten eine Rolle spielen könnte.

© Sz.de/chrb/sks

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