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Infektionskrankheiten:Cranberrys - lecker, aber nutzlos gegen Blasenentzündung

Workers harvest cranberries from one of third-generation farmer Larry Harju's bogs in Carver

Cranberrys werden geerntet, indem man die Felder unter Wasser setzt, so dass die leichten Früchte aufschwimmen.

(Foto: Brian Snyder/Reuters)

Der Beeren-Saft ist ein beliebtes Hausmittel bei Frauen, die an Harnwegsinfekten leiden. Eine neue Studie liefert weitere Hinweise, dass Patientinnen sich das Geld sparen können.

Die leuchtend rote Moosbeere, vielen besser bekannt als Cranberry, gilt als bewährtes Hausmittel gegen leichte Harnwegsinfektionen. Zu Unrecht, wie jetzt eine Untersuchung zeigt, für die Internisten 185 Frauen im Alter über 65 Jahre in Pflegeeinrichtungen des US-Bundesstaates Connecticut beobachtet haben.

Gut die Hälfte der Gruppe bekam Cranberry-Kapseln, um Infekten vorzubeugen, die übrigen bekamen ein Placebo ohne das Beerenpulver. Nach einem Jahr zeigte die Infektionsrate keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Mit Moosbeerenextrakt gelang es in diesem Versuch mit Seniorinnen nicht, Bakterien fernzuhalten.

Seit fast 100 Jahren gehen Wissenschaftler und Ärzte der Frage nach, ob Cranberrys - die geerntet werden, indem man die Felder unter Wasser setzt, so dass die leichten Früchte aufschwimmen - gegen Blasenentzündungen und andere Harnwegsinfekte helfen. Sie kamen immer wieder zu widersprüchlichen Ergebnissen. Egal in welcher Altersgruppe sie suchten, mal zeigte sich ein Effekt, und mal nicht. Ebenso viel Energie verwendeten Biologen darauf, einen möglichen Wirkmechanismus zu erklären.

"Jeder kann Cranberry-Saft zu sich nehmen, aus was für Gründen auch immer"

So wird oft argumentiert, Cranberry-Saft helfe gegen bakterielle Infekte und könne sogar vor ihnen schützen, indem er den pH-Wert des Urins herabsetzt, also saurer macht, sodass sich Bakterien nicht mehr so gut vermehren können. Analysen der Nährstoffe brachten außerdem chemische Verbindungen zutage, die verhindern, dass sich Bakterien in den Harnwegen festsetzen können. Proanthocyanidine heißt diese Gruppe von Pflanzenstoffen, die zum Beispiel auch in Blaubeeren enthalten sind, die den Bakterien das Besiedeln des menschlichen Körpers schwer machen sollen. Nur scheinen all diese im Labor zwar sehr wirkungsvollen Effekte im Körper offenbar keinen hilfreichen Nutzen zu entfalten.

Für die Internistin Lindsay Nicolle von der kanadischen University of Manitoba, die nicht an der neuen Untersuchung beteiligt war, steht aufgrund der neuen Daten und mit Blick auf die vielen älteren Studien, die ebenfalls keine Wirkung finden konnten, nun endgültig fest, dass die roten Früchte nutzlos sind gegen Harnwegsinfekte. In einem Begleitkommentar zur Studie schreibt sie im Fachblatt Jama: "Jeder kann beliebig Cranberry-Saft oder -Kapseln zu sich nehmen, aus was für Gründen auch immer. Aber Mediziner sollten den Gebrauch nicht mehr fördern, indem sie verbreiten, es gebe einen Nutzen, und sei es nur ein potenzieller. Wer Cranberry-Produkte weiterhin empfiehlt, leistet seinen Patienten einen Bärendienst."

© SZ vom 28.10.2016/fehu

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