"Individuelle Gesundheitsleistungen":Unter den fragwürdigen Methoden leidet das Arzt-Patienten-Verhältnis

Augenärzte und Frauenärzte "igeln" im Durchschnitt sieben- beziehungsweise fünfmal so oft wie Allgemeinmediziner, gefolgt von Orthopäden, Hautärzten und Urologen. Gegen das Vorurteil, dass Patienten von sich aus nach Zusatzleistungen fragen, sprechen die aktuellen Zahlen. Nur 24 Prozent der Kranken in der Arztpraxis haben sich selbst danach erkundigt. In drei Viertel der Fälle sprechen die Ärzte und das - manchmal in Kursen extra dafür geschulte - Praxispersonal die Patienten darauf an und versuchen, die Zusatzleistung als medizinisch notwendig zu verkaufen. Frauen bekommen deutlich öfter IGEL angeboten als Männer, einkommensstarke Patienten eher als weniger gut gestellte Versicherte.

Zwar gibt es eindeutige Rechtsvorschriften für Ärzte, dass sie ihren Patienten eine Rechnung über die Privatleistung zu erstellen haben, die jene aus eigener Tasche bezahlen. Dennoch erhielten zehn Prozent der Patienten keine Rechnung. Auch ein schriftlicher Behandlungsvertrag ist Pflicht; dieser wurde jedoch nur mit 46,6 Prozent der Patienten zuvor abgeschlossen. Jonitz erinnert deshalb an die Broschüre, die von der Bundesärztekammer gemeinsam mit dem Netzwerk für evidenzbasierte Medizin zum richtigen Umgang mit IGEL herausgegeben wurde.

Vielen Patienten ist nicht klar, ob die zusätzliche Untersuchung notwendig ist

Neben den finanziellen Verlusten und dem medizinisch oft nicht vorhandenen Nutzen der IGEL sehen Kritiker besonders das Arzt-Patienten-Verhältnis durch diese Form der Ökonomisierung bedroht. In der aktuellen Analyse zeigte sich, dass sich gerade mal die Hälfte der Patienten gut über die Zusatzleistungen aufgeklärt fühlte und daher nicht wusste, ob das angebotene Verfahren überhaupt notwendig, sicher und zuverlässig ist - oder eben nicht. Kein Wunder bei dieser fehlenden Transparenz, dass fast drei Viertel der Befragten eine Verschlechterung des Arzt-Patienten-Verhältnis durch die "Igelei" befürchten. "Für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist ein offener Umgang mit den Selbstzahlerleistungen unverzichtbar", fordert Klaus Zok. "Dazu zählt auch die Information über die Gründe, warum die gesetzliche Krankenversicherung diese Leistungen nicht finanziert."

Doch statt darüber aufzuklären, auf welch unbefestigtem wissenschaftlichen Grund die meisten IGEL-Angebote stehen, machen manche Ärzte ihren Patienten noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie zögern oder die Zusatzleistungen ablehnen. "Ein besonderes Ärgernis sind Verzichtsformulare, auf denen Patienten ihr Nein zu einer Leistung schriftlich bestätigen sollen", empört sich Kai Helge Vogel vom Verbraucherzentrale Bundesverband. "Das schürt unnötigen Druck und Angst beim Patienten." Er beklagt, dass es noch immer keine wirksamen Sanktionen gibt, wenn Ärzte gegen die inhaltlichen wie formalen Vorgaben verstoßen. In der Broschüre der Bundesärztekammer steht schließlich eindeutig: "Der Arzt darf nicht darauf drängen, dass Sie IGeL in Anspruch nehmen sollen. Wenn Sie meinen, dass dies der Fall ist, informieren Sie die zuständige Ärztekammer darüber."

Manchmal wird mehr bezahlt, als der Kassenarzt im Quartal für die ganze Behandlung bekommt

Wo Überredungskunst anfängt oder sich die Besucher einer Arztpraxis gar bedrängt fühlen, das findet in einer kommunikativen Grauzone statt. Die mit drohendem Unterton vorgebrachte Äußerung des Arztes, wonach der Patient selbst wissen müsse, wie viel ihm seine Gesundheit wert ist, kann bereits als Nötigung empfunden werden. Die Aufforderung der Sprechstundenhilfe, vor dem Gespräch mit dem Arzt erst den Augendruck messen zu lassen, ohne über seinen fraglichen Nutzen aufgeklärt zu sein oder einen Vertrag zu sehen, widerspricht eindeutig der Checkliste der Bundesärztekammer.

Doch falsche Anreize erhalten das System aufrecht. "Wenn man bedenkt, dass für eine IGEL teilweise mehr bezahlt wird, als ein Kassenarzt für die gesamte Behandlung im Quartal bekommt, ist die Motivation, solche Leistungen aus finanziellen Gründen durchzuführen, zwar nachvollziehbar, aber falsch", sagt Günther Jonitz. Und Verbraucherschützer Vogel fragt, was dagegen spreche offenzulegen, wenn Mediziner Verfahren ohne Evidenz anbieten und sich dabei nicht an die Vorschriften halten. "Das würde nicht nur dem Wohl der Patienten dienen, sondern wäre auch für die Vielzahl der seriös praktizierenden Ärzte ein Gewinn", sagt Vogel.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSZ–MagazinErfahrungsbericht
:Noch gesund oder schon krank?

Als man ihn zur Teilnahme an einer großen Gesundheitsstudie einlud, dachte unser Autor, er sei kerngesund. Nach einer Reihe von Untersuchungen begann er sich allerdings zu fragen, ob man das heute überhaupt noch sein kann.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB