"Individuelle Gesundheitsleistungen" Wie Patienten beim Arzt abgezockt werden

Die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke ist nur eine von vielen "Individuellen Gesundheitsleistungen" (Igel).

(Foto: Getty Images)
  • Laut einer neuen Analyse bekommen rund 29 Prozent der gesetzlich Versicherten "Individuelle Gesundheitsleistungen" (Igel) von ihrem Arzt angeboten.
  • Bei vielen dieser privaten Zusatzuntersuchungen ist der Nutzen jedoch nicht belegt. Zu den fragwürdigen Leistungen zählen etwa viele Unterschalluntersuchungen sowie die Glaukomfrüherkennung.
  • Mit den Igeln wird mittlerweile ein Umsatz von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr gemacht. Kritiker sehen durch die fragwürdigen Methoden das Verhältnis zwischen Arzt und Patient beschädigt.
Von Werner Bartens

Der 33-Jährige zahlt 400 Euro an seinen Allgemeinmediziner - und erhält ein Medikament "für die Darmkultur". Die Untersuchung auf Hörsturz bei einem HNO-Arzt kostet eine 37-Jährige 600 Euro. Ein Orthopäde berechnet seiner 60-jährigen Patientin 170 Euro für eine Ganganalyse. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen - ob 479 Euro fürs "Einrenken der Wirbelsäule" berechnet werden, 450 Euro zur Therapie eines Fersensporns oder gar 646 Euro für eine "autologe conditionierte Plasmatherapie" beim Orthopäden. Diese Fälle dreister Abzocke stammen alle aus der neuesten Analyse zu "Individuellen Gesundheitsleistungen" (IGEL), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Das wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) hat dafür in einer repräsentativen Erhebung mehr als 2000 Krankenversicherte zu ihren Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate befragt.

Private Zusatzleistungen, wie die IGEL auch genannt werden, wurden demnach im Vorjahr rund 29 Prozent der gesetzlich Versicherten angedient. Die Kostenspanne der Angebote war erheblich und lag zwischen zehn und 1000 Euro. Insgesamt wird mit IGEL-Angeboten mittlerweile ein Umsatz von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr gemacht. Genauere Zahlen zum Marktvolumen gibt es nicht, weil über etliche Leistungen kein Vertrag und keine Dokumentation vorliegt. Nach der Einführung der oft fragwürdigen Leistungen in den 1990er-Jahren stieg der Anteil der Patienten, die sie angeboten bekamen, zunächst sprunghaft an. Seit dem bislang höchsten Wert von 33 Prozent im Jahr 2015 ist der Anteil aber leicht zurückgegangen.

Gynäkologen und Augenärzte "igeln" besonders viel

Die Zusatzleistungen werden nicht von Ärzten aller medizinischer Disziplinen gleich stark vertrieben. "Es gibt zwei klare Schwerpunkte, nämlich Ultraschalluntersuchungen vor allem bei Frauen sowie Leistungen zur Glaukomfrüherkennung", so Klaus Zok vom Wido, der die aktuelle Studie geleitet hat. "Dem entspricht, dass vor allem Frauen- und Augenärzte besonders stark ,igeln'". Die beiden genannten Untersuchungen machen denn auch allein 45 Prozent des IGEL-Marktes aus; danach folgen Bluttests und Laborleistungen sowie Medikamente, deren Vorteile für Patienten nicht belegt sind.

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Hochgerechnet haben also knapp fünf Millionen Versicherte im vergangenen Jahr Ultraschalluntersuchungen als IGEL angeboten bekommen, deren Nutzen nicht erwiesen ist, vor allem Frauen über 30 Jahre. Die angebliche Glaukom-Früherkennung erhielten demnach 3,7 Millionen Versicherte, vor allem jenseits der 50 Jahre. "Viele Verfahren basieren nicht auf Studien, sondern auf dem Prinzip Hoffnung, zum Beispiel beim Ultraschallscreening", kritisiert Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer. "Wer in Sorge ist, Eierstockkrebs zu bekommen, erträgt lieber die Überdiagnostik als das Nichtstun." Aus etlichen Studien ist jedoch bekannt, dass bei dieser Art Tumor die Untersuchung per Ultraschall nichts für die Früherkennung bringt.

Weil ihr Nutzen nur selten erwiesen ist, gelten die angebotenen Zusatzleistungen unabhängigen Ärzten als großes Ärgernis und hässlicher Auswuchs des Gesundheitsmarktes - manche von ihnen sehen die Praxis gar zum Basar verkommen und beklagen den Verfall des Arzt-Patienten-Verhältnisses, wenn der Doktor zum Verkäufer ominöser Leistungen wird und der Patient zum Kunden. Schließlich sind IGEL überwiegend umstrittene oder sogar schädliche Angebote, die eben deshalb nicht von den Krankenkassen erstattet werden, weil ihr Nutzen bisher nicht seriös belegt werden konnte und manchmal gar Folgeschäden bekannt sind. Hilfreiche Orientierung gibt der "IGeL-Monitor" (www.igel-monitor.de), in dem über die meisten Angebote und ihre fehlenden oder nur dezent vorhandenen Vorteile verständlich aufgeklärt wird. Von A wie Akupunktur oder Augendruckmessung über Biofeedback, Eigenblut, Hyaluronsäure-Spritzen ins Knie bis hin zu diversen Ultraschall-Tests werden hier mehr als 50 Angebote einer kritischen Bewertung unterzogen.

Nur wenige ausnahmslos sinnvolle Ausnahmen wie etwa die Raucherentwöhnung und tauch- oder reisemedizinische Untersuchungen fallen in die Kategorie IGEL. Dabei geht es jedoch um medizinische Leistungen, die zwar nützlich sind, von den Kassen aber nicht übernommen und - etwa für Freizeitaktivitäten wie Tauchen oder Bergsteigen - nicht von der Solidargemeinschaft finanziert werden müssen. In der aktuellen Analyse machten diese angemessenen IGEL aber lediglich 11,5 Prozent aus. "Wenn man richtig mit ihnen umgeht, etwa bei Impfungen vor Tropenreisen, sind IGEL in Ordnung", sagt Ärztekammerpräsident Jonitz. "Allerdings ist Missbrauch eben auch verbreitet."