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Grippe:"Möglichst wenig ins Gesicht fassen"

Grippe

Grippeviren verbreiten sich meist über eine direkte Tröpfcheninfektion.

(Foto: dpa)

Die Grippewelle rollt an, das Robert-Koch-Institut zählt bereits 20 Todesfälle. Infektionsepidemiologin Silke Buda über Symptome, den richtigen Schutz und ob sich eine Impfung noch lohnt.

Die Grippewelle hat begonnen, schon 20 Todesfälle und mehr als 6000 laborbestätigte Grippeerkrankungen meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) in dieser Saison deutschlandweit. Silke Buda ist Infektionsepidemiologin und leitet die Arbeitsgemeinschaft Influenza am RKI.

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SZ: Frau Buda, haben wir den Höhepunkt der Grippewelle schon erreicht?

Silke Buda: Nein, wir befinden uns am Anfang der Grippewelle! Der Beginn ist auf Bevölkerungsebene klar definiert - wir orientieren uns an der Positiven-Rate, dem Anteil der positiven Proben von allen Patienten, die auf Influenza getestet werden. Demnach hat die Influenza-Saison in der 2. Kalenderwoche begonnen, also vor drei Wochen.

Ist es dann überhaupt noch lohnenswert, sich impfen zu lassen?

Bei gefährdeten Personen kann das sehr sinnvoll sein. Die Empfehlung der ständigen Impfkommission (STIKO) gilt insbesondere für ältere Menschen, aber auch für Kinder oder Erwachsene mit chronischen Vorerkrankungen, die das Immunsystem schwächen. Medizinisches Personal läuft zusätzlich Gefahr, die Krankheit auf Immunschwache zu übertragen. Auch Schwangere sollten sich impfen lassen. Man sollte sich zügig an seinen Hausarzt wenden, es dauert nach der Impfung ungefähr 14 Tage, bis sich der Schutz aufgebaut hat.

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Wie kann man eine Ansteckung vermeiden?

Die Grippe ist eine ganz typische von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit. Der Hauptübertragungsweg ist eine direkte Tröpfcheninfektion. Erkrankte scheiden beim Niesen und Husten, aber auch beim Sprechen, Viruspartikel aus. Steht man mit ihnen in engem Kontakt und treffen diese Erreger auf die eigenen Schleimhäute, kann man sich anstecken. Ein Abstand von 1,5 bis zwei Meter zum Kranken bietet einen gewissen Schutz. Es gibt auch die indirekte Übertragung: Ein Kranker niest oder hustet sich in die Hände und fasst danach einen Gegenstand an oder begrüßt einen mit Handschlag. Berührt man sich anschließend im Gesicht oder an den Augen, kann es zu einer Verbreitung der Viren kommen. Um dies zu vermeiden, sollte man sich regelmäßig die Hände waschen - und sich möglichst wenig ins Gesicht fassen.

Vor einigen Wochen kursierte eine schwere Krankheitswelle. Was waren das für Erreger, wenn die Grippesaison erst jetzt beginnt?

Es gibt verschiedene Viren, die schwere Erkältungs- und Grippesymptome auslösen können - beispielsweise Rhinoviren oder Coxsackieviren. Was über Weihnachten zirkuliert ist und auch jetzt noch mitzirkuliert, sind RS-Viren. Auch für sie gelten dieselben Verhaltensregeln wie für Influenza.

Was sind denn die Symptome einer klassischen Influenza?

Eine typische Influenza beginnt abrupt - innerhalb weniger Stunden fühlt man sich sehr krank. Sie geht häufig mit Fieber einher, Husten kommt dazu, sowie starke Glieder- und Muskelschmerzen. Insgesamt fühlt man sich deutlich kränker als bei anderen Erkältungen. Natürlich hat nicht jeder Grippeerkrankte die gleichen Beschwerden, manchmal sind die Symptome nicht von denen einer Erkältung zu unterscheiden.

Wovon hängt das ab, wie ausgeprägt die Grippe einen trifft?

Wie krank man wird, hängt davon ab, wie stark das eigene Immunsystem ist und wie viel Erfahrung es mit den Grippeviren hat. Im Laufe unseres Lebens sind wir alle schon mal in Kontakt mit Influenza-A und -B-Viren gekommen. Man kann sich immer wieder infizieren. Je nachdem, in welchem Maße das Immunsystem die Erreger wiedererkennt, fallen die Symptome unterschiedlich aus. Ein starkes Immunsystem reagiert oft mit heftigeren Krankheitssymptomen.

Wie? Hat man ein gutes Immunsystem, wenn man schwerere Symptome hat?

Das sieht man insbesondere bei älteren Menschen. Das Immunsystem altert ja mit. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie eine Lungenentzündung und einen schwierigen Krankheitsverlauf, aber oft sind ihre Symptome initial nicht so stark ausgeprägt. Sie haben beispielsweise seltener hohes Fieber. Das kommt eher bei Kindern vor, die zum ersten Mal Kontakt mit Influenza-Viren haben.

Wieso sind die Grippewellen eigentlich immer im Winter?

Die saisonale Influenza tritt aus verschiedenen Gründen im Winter auf. Mehr Menschen halten sich in geschlossenen Räumen auf - in der U-Bahn, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Da verbreiten sich die Erreger besonders rasch. Heizungsluft trocknet die Schleimhäute aus, sie bilden keine starke Barriere mehr. Generell ist das Immunsystem im Winter schlechter aufgestellt, weil die Sonne fehlt. Influenza-Viren sind außerdem bei kalten Temperaturen überlebensfähiger.

Warum braucht man jedes Jahr einen neuen Impfstoff?

Die Influenza-Viren verändern sich ständig. Ihre Replikation funktioniert nicht perfekt - bei jedem Vermehrungszyklus in der Wirtszelle kommt es zu ganz kleinen Änderungen. Dadurch, dass sie sich so schnell und zahlreich vermehren, sind sie in konstantem Wandel. Die WHO muss also jedes Jahr vorhersagen, welche Viren wohl im nächsten Jahr zirkulieren werden, damit der Impfstoff entsprechend angepasst werden kann.

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