Folgen der Kernschmelze Wie viele Menschen starben beim Tschernobyl-Unglück?

  • Wie viele Menschen an den Folgen des atomaren Unfalls von Tschernobyl ums Leben kamen, ist umstritten.
  • Experten gehen davon aus, dass die Arbeiter, die nach dem Unglück aufräumten, ein erhöhtes Risiko haben, an Krebs zu erkranken.
  • Auch Tausende Fälle von Schilddrüsenkrebs könnten mit dem Unfall zusammenhängen.
Von Marlene Weiß

Auch 30 Jahre danach ist es nicht leicht festzustellen, wie viele Menschen Opfer des Atomunfalls von Tschernobyl geworden sind. Relativ gesichert ist nur eine Zahl: Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2006 starben zwei Kraftwerksmitarbeiter direkt bei der Explosion. 28 weitere Arbeiter und Feuerwehrleute erlagen in den folgenden Wochen und Monaten der akuten Strahlenkrankheit (ARS). Also 30 Tote, unmittelbar nach der Katastrophe. Aber dann wird es kompliziert.

Akute Strahlenkrankheit tritt erst bei hohen Dosen radioaktiver Strahlung auf. Bei den allermeisten Menschen aber war die Dosis deutlich geringer. Das gilt selbst für die etwa 240 000 sogenannten Liquidatoren, die 1986 und 1987 verstrahlten Schutt unter anderem vom Dach des Reaktorblocks 3 wegschaufelten, und das alles in völlig unzureichender Schutzkleidung.

Viele zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs

Ihr Einsatz war lebensgefährlich, aber die Folgen sind kaum fassbar. Sie machen sich in zusätzlichen Krebsfällen bemerkbar, die allerdings nur schwer aus der Statistik herauszufiltern sind. Elizabeth Cardis, damals bei der WHO-Krebsforschungsagentur IARC, hat 1996 in einem Bericht die Strahlenbelastung nach Tschernobyl und die Gesundheitsfolgen analysiert. Demnach haben die Liquidatoren über ihre gesamte Lebenszeit ein um etwa fünf Prozent erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben. Für Leukämie, die in dem Bericht gesondert erfasst wird, kam Cardis' Team sogar auf 25 Prozent. Das Risiko sinkt, je weiter man sich von Tschernobyl entfernt: Bei 6,8 Millionen Menschen, die damals in kontaminierten Gebieten in Weißrussland, Russland und der Ukraine lebten, fällt das zusätzliche Risiko auf 0,6 Prozent ab. Das klingt nach einer überschaubaren Gefahr. Zusammengerechnet ergeben sich aber immer noch mehr als 8000 zusätzliche Krebstote.

Leben in Angst: Ein Mädchen aus der Region von Tschernobyl wird auf ihre Strahlenbelastung hin untersucht.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Nimmt man die Einwohner weiter entfernter Gegenden in Russland und Westeuropa hinzu, die nach Tschernobyl einer geringeren, aber messbaren Belastung ausgesetzt waren, erhöhen sich die Zahlen noch einmal deutlich. Allerdings sind solche Berechnungen umstritten. Das für atomare Strahlung zuständige Komitee der Vereinten Nationen, Unscear, verwendet sie nicht, wegen "inakzeptabler Unsicherheiten", wie es 2008 in einem Bericht hieß.

Zumal die Tschernobyl-Krebsfälle nur theoretisch aus der Strahlendosis abgeleitet werden, aus der Statistik kann man sie kaum ablesen. Eine Ausnahme ist Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die im Kindes- oder Jugendalter der Tschernobyl-Strahlung ausgesetzt waren: Bis 2005 gab es etwa 6000 Fälle, mindestens 15 davon tödlich; der Großteil davon ist auf den Atomunfall zurückzuführen. Bei anderen Krebsarten ist der Effekt gering. "Das Hintergrundrauschen der natürlichen Krebsfälle ist so hoch, dass zwei oder drei Prozent mehr in der Statistik nicht auffallen, wenn man nicht sehr gezielt danach sucht", räumt Alex Rosen von der anti-nuklearen Ärzteorganisation IPPNW ein. "Trotzdem halten wir Zehntausende zusätzliche Krebsfälle nicht für vernachlässigbar." Indes dürfte auch am Fazit der Autoren des Unscear-Berichts einiges dran sein: Die große Mehrheit der Bevölkerung, schreiben sie, müsse nicht in Angst vor schweren Gesundheitsfolgen des Tschernobyl-Unfalls leben.

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