Ebola in Westafrika "Völlig außer Kontrolle"

Das Misstrauen gegenüber den weißen Ärzten, die mit Ganzkörperanzügen in die Dörfer kommen, ist groß. Hier eine Archivaufnahme aus dem März 2014 aus Guinea.

(Foto: AP)

Der aktuelle Ebola-Ausbruch in Westafrika hat schon jetzt mehr Opfer gefordert als jeder andere zuvor. Ärzte geraten an die Grenzen ihrer Möglichkeiten - auch, weil sie in der Region nicht immer gerne gesehen werden.

Von Christina Berndt

So schlimm war es noch nie. Fast alljährlich hat es in der Vergangenheit irgendwo im zentralen Afrika einen Ebola-Ausbruch gegeben. Die Krankheit flammte auf, ein paar Dutzend Menschen starben, dann verschwanden die Erreger wieder im Dschungel, bei ihren Wirten, den Flughunden und anderen Tieren. Ende 2013 aber ist die Krankheit erstmals in Westafrika aufgetreten - und sie scheint sich zu einer regionalen Katastrophe auszuweiten. Am Wochenende hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Alarm geschlagen: Die Ebola-Epidemie sei "völlig außer Kontrolle geraten", sagte Einsatzleiter Bart Janssens. Die Ärzte ohne Grenzen seien mit ihren Möglichkeiten, den Ebola-Ausbruch einzudämmen, an ihre Grenzen gekommen.

Bislang sind nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 330 Menschen an der Seuche gestorben - so viele wie noch nie bei einem Ebola-Ausbruch. Die bisher schlimmste Epidemie hat 1976 in Zaire mit 280 Toten stattgefunden. Damals war die Krankheit erstmals entdeckt und benannt worden, seither sind viele Gesundheitsbehörden in Afrika gewarnt.

Doch das Schwierige an der aktuellen Epidemie ist, dass sie sich über die Grenzen dreier Länder erstreckt: Sierra Leone, Liberia und Guinea. Noch dazu ist sie erstmals in Westafrika aufgetreten, wo Menschen und Regierungen mit der schweren Infektionskrankheit nicht vertraut sind, die ein hämorrhagisches Fieber auslöst, bei dem Blutgefäße platzen und die Infizierten binnen kurzer Zeit von innen verbluten. Eine Impfung gibt es nicht und auch keine kausale Therapie gegen den Erreger, ein Virus.

Dass die seit sechs Monaten wütende Epidemie nicht noch mehr Todesopfer gefordert hat, habe auch mit Glück zu tun, sagt Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg und Experte für Ebola und verwandte Krankheiten. Aus unbekannten Gründen ist das aktuell in Westafrika kursierende Virus nicht so tödlich wie bisherige Ebola-Varianten. "Etwa 60 Prozent der Infizierten sterben, beim Ebola-Zaire-Stamm waren es 80 Prozent", sagt Becker.

Offenbar können ärztliche Maßnahmen, wie die Zufuhr von Flüssigkeit, auch helfen, den Tod abzuwenden, sagt Becker, dessen Team zum European Mobile Laboratory Project gehört, das derzeit in Westafrika Kranke und Tote auf Ebola testet.

Um so mehr müssten die Menschen überzeugt werden, die Behandlungszentren auch aufzusuchen, sagt Becker. Doch das Misstrauen gegenüber den weißen Ärzten, die mit Ganzkörperanzügen in die Dörfer kommen, um dort bei Toten Proben zu nehmen, sei groß.