Dyskalkulie:Wie Kinder gefördert werden sollen

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Gerd Schulte-Körne

Gerd Schulte-Körne leitet die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München. Er hat die Herausgabe der neuen S3-Leitlinie zur Dyskalkulie koordiniert.

(Foto: privat)

Warum steht es dann da?

Es geht darum, andere Erkrankungen als Ursache für die Rechenstörung auszuschließen.

Zum Beispiel eine Intelligenz-Minderung, ADHS oder Augenprobleme?

Genau, davon muss man abgrenzen. Oder ob Kinder durch ihre soziale Situation oder psychische Belastungen generell schlechter lernen. Das würde sich dann auch in anderen Bereichen zeigen. Ganz selten gibt es auch Ursachen wie eine Chromosomen-Anomalie, die oft zu anderen körperlichen Veränderungen führt, aber den Eltern und Ärzten bereits vorschulisch aufgefallen wären. Der Hirnscanner dient weniger zur Diagnostik, er hilft uns herauszufinden, warum ein Kind Rechenstörungen hat.

Ist das überhaupt umsetzbar, alle Eventualitäten auszuschließen?

Die Idee ist ein gestuftes Vorgehen. Zunächst ist da der Lehrer, der sieht, wie sich ein Kind entwickelt. Stellt er Probleme fest, kann er die Eltern auffordern, eine entsprechende Diagnostik durchführen zu lassen. Die ist die Aufgabe von Therapeuten und Psychiatern. Wir haben da in Deutschland eine gute Versorgung - es ist nicht so, als wäre das nicht möglich.

Danach wird gefördert. Wie?

Man fängt bei den Basisfertigkeiten an. Es gibt Computerprogramme, mit denen die Kinder zunächst ein basales Zahlenkonzept entwickeln können. Wertigkeit oder Mächtigkeit von Zahlen, Kardinalität, Ordinalität, Zahlenstrahlaufgaben. Erst danach werden Rechenarten geübt. Das nächste Niveau sind Textaufgaben. Der Vorteil der Programme ist, dass sie an den Leistungsstand des Kindes angepasst werden und sie selbständig üben können. Haben Kinder aber psychische Belastungen, müssen sie mit einem Therapeuten üben. Oft haben sie dann massive Ängste, die so weit gehen, dass sie nicht mehr in die Schule gehen wollen.

Mindestens 45 Minuten soll eine Sitzung dauern. Wie oft sollte geübt werden?

Dazu gibt es keine Daten. Die Empfehlung ist ein Mal pro Woche, mehr ist nicht möglich. Computerprogramme können natürlich häufiger genutzt werden. Was in der Leitlinie nicht steht: Die Finanzierung dieser Maßnahme ist vollkommen ungeklärt.

Von "finanziell womöglich belastenden Einzelsitzungen" ist die Rede.

Genau. Aber eine Lösung steht nicht drinnen. Die gibt es in Deutschland nämlich noch nicht.

Was kostet so eine Sitzung denn?

40 bis 80 Euro pro Stunde.

Und das müssen Eltern selbst zahlen?

Ja. Oder, sofern eine seelische Behinderung droht, können sie bei der Jugendhilfe eine Eingliederungshilfe beantragen. Das geht auch.

Wenn also zu befürchten ist, dass das Kind psychische Probleme entwickelt.

Die psychische Komponente ist wichtig, aber letztlich geht es um die gesamte Integration. Wenn dem Kind droht, in seiner psychosozialen Entwicklung insgesamt erheblich beeinträchtigt zu sein. Hier sagt der Staat, dass die Jugendhilfe verpflichtet ist, Maßnahmen zu ergreifen.

Was ist das Ziel der Förderung: Normalität oder im Alltag klarzukommen?

Letzteres. Es geht darum, dass Betroffene grundlegende Aufgaben der Alltagsbewältigung sicher schaffen.

Beim Bäcker bezahlen, Kleingeld wechseln, solche Dinge?

Genau. Aber wir versuchen auch, die Kinder so zu stärken und zu stützen, dass sie durch die Schule kommen. In Bayern ist das extrem schwierig, weil Mathematik als gesetztes Fach in allen Abschlüssen steckt und betroffene Kinder ohne Nachteilsausgleich oder Notenschutz eigentlich keine Chance haben.

Also Mathe raus aus Abschlussprüfungen für Kinder mit Dyskalkulie?

Aus meiner Sicht wäre das eine Option. Natürlich wird kein Bildungspolitiker sagen, "wir wollen das". Es würde aber auch schon helfen, diese Kinder so zu unterstützen, dass sie das Abitur oder die Realschule schaffen. Auch Kinder mit Dyskalkulie können durch Förderung mathematische Fertigkeiten erlangen - aber nicht das, was da gefordert wird. Uns geht da enormes Potenzial verloren.

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