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Downsyndrom-Pränataldiagnostik:Die meisten Abtreibungen finden ohne Begründung statt

So seelenlos es auch erscheinen mag, eine relativ kleine Zahl von behinderten Ungeborenen überhaupt einem Vergleich zu unterziehen: Es wird überraschend selten danach gefragt, warum ein Schwangerschaftsabbruch nach der Diagnose einer durchaus schweren Beeinträchtigung des Kindes als ethisch fragwürdig gilt. Während die überwältigende Mehrheit des Schwangerschaftsabbrüche ohne Begründung stattfinden kann und in dieser Form gesellschaftlich inzwischen auch akzeptiert wird.

In Sachsen-Anhalt zum Beispiel wurden im besagten Jahr 2002 nur 22 Kinder abgetrieben, weil ihre Mütter kein Kind mit Downsyndrom wollten. Im gleichen Zeitraum verzeichnete das Statistische Bundesamt für das Land insgesamt mehr als 5100 Abtreibungen, 130 000 waren es in der ganzen Bundesrepublik. 2013 war die Ziffer zwar niedriger, aber immer noch sechsstellig. Gleichbleibend 97 Prozent dieser Abtreibungen erfolgen nach der Beratungsregel, also ohne medizinischen oder kriminologischen Anlass, allein auf den Wunsch der Frau hin.

Sind Frauen also einfach egoistisch? Und setzt die Pränataldiagnostik diesen Wesenszug erst so richtig in Szene? Für die Medizinethikerin Claudia Wiesemann von der Universität Göttingen ist die Idee abwegig, ein Unfall auch in der Gesetzgebung: "Das Bild der egoistischen Frau ist das Zerrbild einer individualistischen Ethik in der Schwangerschaft."

Entscheiden kann und muss immer die Mutter

Schon das Gesetz geht also nicht von einer werdenden Mutter aus, die in einer Beziehung zum Ungeborenen steht. Sondern von einer selbstsüchtigen Schwangeren, die ihr Interesse gegen das des Kindes in die Waagschale wirft. Eine Abtreibung bleibt deshalb zwar verboten, wird aber akzeptiert, wenn die Interessen der Frau schwerer wiegen, als die des sich entwickelnden Kindes.

Dass das Kind selbst, sein Wohl und seine Zukunft ein Interesse der Frau ist, kommt in diesem Konstrukt gar nicht vor. Ob und wann genau der Embryo oder Fötus ein eigenes Interesse entwickelt und was dieses Interesse denn wäre, weiß niemand. Entscheiden kann und muss immer die Mutter - für sich, aber auch für das Kind.

Auch die Empirische Sozialforschung hat keine Belege dafür gefunden, dass hinter der Entscheidung gegen die eigene Schwangerschaft blanker Egoismus steckt. Im Gegenteil. Bereits in den Neunziger Jahren hat etwa die Gesundheitswissenschaftlerin Irmgard Nippert von der Universität in Münster 1200 Schwangere befragt, die an eine pränatalen Diagnostik teilnahmen.

Verantwortung soll ein Akt der freien Entscheidung sein

Nippert fand, dass die große Mehrheit der Frauen sich weniger Sorgen um sich selbst machte. Vielen ging es eher um die Frage, ob das behinderte Kind hinreichend versorgt wäre, wenn sie selbst zu alt sein würden. Darum, wie es den vorhandenen Geschwistern oder dem Lebenspartner mit der schwierigen Situation ergehen könnte.

Unter den Befragten waren Frauen aus vielen Berufen und Bildungsstufen, auch Hebammen und Sozialarbeiterinnen, die Erfahrungen mit behinderten Kindern hatten, und sich von der Verantwortung und den Problemen durchaus ein Bild machen konnten, die mit der Fürsorge für so ein besonderes Kind verbunden sein können.

Für Claudia Wiesemann steht fest, dass es ein Akt der freien Entscheidung sein muss, ob Eltern diese Verantwortung übernehmen möchten oder nicht. "Verantwortung aus Liebe für ein Kind kann weder durch die Natur noch durch den Gesetzgeber erzwungen werden", sagt die Ethikerin.

Bioethische Kompromisse

Und was sagt die Politik? "Der medizinische Fortschritt stellt die Gesellschaft immer wieder vor ethische Grundsatzfragen", so heißt es in der gerade veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage zum Bluttest aufs Downsyndrom. Und das ist nicht bloß eine Floskel. Sondern ein Statement. Der medizinische Fortschritt, das sind nicht wir, die Gesellschaft und ihre Politik. Sondern etwas, das unabhängig von uns Tatsachen schafft. Und Probleme, mit denen wir irgendwie zurechtkommen müssen.

Diese abwehrende Haltung bestimmt den Umgang mit bioethischen Fragen spätestens seit der Debatte ums Schafeklonen. Das Ergebnis sind Kompromisse, die die Grundsatzfragen nicht beantworten, sondern lediglich aufschieben. So wie jetzt im Fall des Praenatests: Der Fall verschwindet im bürokratischen Mahlwerk des G-BA, bis ihn in einigen Jahren neue Verfahren überholen und die ethischen Grundsatzfrage weiter verschärfen.

Bereits heute ist es möglich, fehlerhafte Mitochondrien aus den Eizellen einer Frau zu entfernen, um einen gesunden Embryo zu erzeugen. Seit kurzem versuchen Forscher sogar, einzelne Gene in Embryonen zu reparieren. Mit Instrumenten, die leicht zu benutzen sind, beständig optimiert und mit denen gewiss bald weitere Grenzen überschritten werden.

Es wäre gerade deshalb an der Zeit, sich nicht allein mit den Techniken auseinanderzusetzen. Sondern auch die eigentliche Grundsatzfrage zu stellen, die ganz sicher nicht allein die Mütter betrifft, sondern alle Menschen: Wer wollen wir sein?

© SZ vom 25.04.2015/mahu

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