bedeckt München 27°

Downsyndrom-Pränataldiagnostik:Wie viele Down-Syndrom-Schwangerschaften werden beendet?

Die grundsätzliche Erstattung würde dies ändern. Allein das ist ein wichtiger Grund, die Debatte tatsächlich wieder aufzugreifen. Sie ist aber vor allem deshalb schwierig, weil sich zwar viele schnell empören, die Faktenlage aber unklar ist.

So ist zum Beispiel gar nicht bekannt, wie viele Eltern sich nach dem Befund einer Trisomie 21 dafür entscheiden, die Schwangerschaft abzubrechen. Trotzdem taucht in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema immer wieder die Behauptung auf, 90 Prozent aller Down-Syndrom-Schwangerschaften würden nach der Diagnose beendet.

Die Zahl taucht in den verfügbaren Studien zwar auf, doch liegt sie an der oberen Grenze der Schätzungen und ihr fehlt eine angemessene Grundlage. So stammen die meisten Daten aus Stichproben in kleinen Regionen. Das gilt selbst für das zentrale Eurocat-Register, das angeborene Behinderungen in 18 europäischen Ländern erfasst. Eine Analyse dieses Registers kommt für Deutschland zu einer Abbruchquote von sogar 96 Prozent nach der Down-Syndrom-Diagnose.

Die Zahl ist 13 Jahre alt

Diese beklemmende Zahl bezieht sich allerdings auf das Jahr 2002 - und nur auf jene zwei deutschen Regionen, die im Eurocat-Register mitmachen, nämlich Mainz und Sachsen-Anhalt. Zum Zeitpunkt der Studie kamen in diesen zwei Gebieten rund 21 000 Kinder zur Welt. Das entsprach 2,8 Prozent aller Geburten in Deutschland in dem betreffenden Jahr.

Sachsen-Anhalt, das gut 17 600 Geburten zu der Berechnung beigetragen hat, befand sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt einer wirtschaftlichen Krise, die Arbeitslosigkeit lag bei mehr als 20 Prozent. Die Einwohner wurden älter, die Zahl der Geburten sank. In 23 Fällen kam es damals zu eine Diagnose des Downsyndroms, nur eines der Kinder kam zur Welt. Insgesamt wurden in den zwei Regionen 14 von 36 möglichen Kindern mit Trisomie 21 geboren.

Das ist nun 13 Jahre her. Neue Zahlen gibt es nur zur allgemeinen Häufigkeit des Downsyndroms in beiden Regionen und darüber, wie viele dieser Schwangerschaften abgebrochen wurden. Über einen Zusammenhang mit der Pränataldiagnostik liegen dagegen keine aktuellen Analysen vor.

Ist es falsch, kein Kind mit Down-Syndrom bekommen zu wollen?

Weitere Schlüsse lassen sich höchstens aus anderen westlichen Ländern ziehen: Lebensumstände und das gesellschaftliche Umfeld tragen wohl erheblich zu der Entscheidung bei. Eine Studie aus den Vereinigten Staaten zum Beispiel hat vor gut zwei Jahren belegt, dass der Anteil der Abtreibungen nach einem positiven Befund zwischen verschiedenen Regionen des Landes erheblich schwankt. Mancherorts beträgt sie tatsächlich 90 Prozent. Anderswo hingegen 50 Prozent.

Zum einen zeigt sich somit, dass ein Test aufs Downsyndrom nicht grundsätzlich mit der Entscheidung gegen das Kind verbunden ist. Zum anderen bleibt die Tatsache, dass ein großer Teil der Eltern tatsächlich kein Kind mit Down-Syndrom bekommen möchte. Ist das falsch? Die Pränataldiagnostik und ihre gesetzlichen Anker sagen klar: Nein, nicht falsch.