Corona:Verständnislos in der Pandemie

FILE PHOTO: Man opens the Facebook page on his computer to fact check coronavirus disease (COVID-19) information, in Abuja

In vielen Ländern sind offizielle Gesundheitsinformationen nicht leicht zu verstehen. Das steigert das Risiko, dass Menschen sich unzuverlässigen Quellen zuwenden.

(Foto: Afolabi Sotunde/Reuters)

Viele Texte, die über über das Coronavirus aufklären sollen, sind so geschrieben, dass ein Teil der Gesellschaft sie nicht begreifen kann.

Von Berit Uhlmann

Ein kleiner Test zum Leseverständnis gefällig? Bitteschön: "Bis heute gibt es einen Fallbericht über eine mit HIV lebende Person, die Covid-19 hatte und sich erholt hat, sowie eine kleine Studie aus China über Risikofaktoren und antiretrovirale Medikamente, die bei Menschen mit HIV und Covid-19 eingesetzt wurden. Diese Studie berichtete über ähnliche Raten von Covid-19-Erkrankungen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung und über ein erhöhtes Risiko mit zunehmendem Alter, aber nicht mit niedrigem CD4-Wert, hoher Viruslast oder antiretroviralem Behandlungsregime." Und? Haben Menschen mit HIV nun ein höheres Risiko für Covid-19?

Wer diese Passage nicht sofort erfasst, muss sich keine Sorgen machen. Zwar stammt sie aus einem Text, mit dem die Weltgesundheitsorganisation WHO die breite Bevölkerung über Covid-19 aufklären will. Doch wer ihn begreifen will, braucht ein Leseverständnis, das einer 15-jährigen Bildung entspricht, legt eine im Fachblatt Jama Network Open erschienene Studie nahe.

In der Arbeit haben die beiden Forscher Vishala Mishra und Joseph Dexter fast 150 Texte zur Corona-Pandemie auf ihre Verständlichkeit überprüft. All diese Schriften waren im Frühjahr auf den Webseiten von Ministerien oder offiziellen Institutionen erschienen und richteten sich an jedermann. Auch ein Frage-Antwort-Text vom Berliner Bundesgesundheitsministerium war darunter.

Die Wissenschaftler zogen für ihre Analyse Richtlinien heran, die in den USA für das Verfassen von Gesundheitsinformationen empfohlen werden. Texte sollen demnach so geschrieben sein, dass auch eine achtjährige Schulbildung für ihr Verständnis ausreicht. So sollen etwa die Sätze nur acht bis zehn Wörter enthalten, Fremd- und Fachausdrücke sollten überhaupt nicht vorkommen. Davon dürften viele Menschen profitieren: Jene mit geringerer Schulbildung, eingeschränkten Sprachkenntnissen, akuten Krankheiten, Stress oder auch nur Übermüdung.

In manchen Texten kamen Sätze mit mehr als 30 Wörtern vor

Doch so gut wie keiner der untersuchten Texte entsprach diesen Empfehlungen. Für fast alle war ein Leseverständnis nötig, das mit einem durchschnittlichen Abschluss der achten Klasse nicht garantiert ist. Der Text aus Deutschland setzte nach Einschätzung der Wissenschaftler die Fähigkeiten eines Zwölftklässlers voraus. Im Mittel enthielt jeder seiner Sätze mehr als zwölf Wörter. Manche Sätze reihten mehr als 30 Wörter aneinander. Es kamen die Ausdrücke "Inkubationszeit", "Schmierinfektionen" und "Gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite" vor, ohne erklärt zu werden. Mehrfach war von Coronaviren die Rede, und doch wurde nicht genau erläutert, welche Erreger diese Gruppe umfasst.

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"Während einer Pandemie ist es unabdingbar, dass potenziell lebensrettende Empfehlungen für alle Gruppen der Gesellschaft zugänglich sind", sagt Joseph Drexler, Computerwissenschaftler vom US-amerikanischen Dartmouth College. Andernfalls sei zu befürchten, dass ein Teil der Menschen wichtige Informationen verpasst oder sich zweifelhaften Quellen zuwendet. Das wäre nicht erstaunlich, wenn man sich anschaut, wie viele Falschnachrichten durch eine drastische Simplifizierung bestechen.

Dass Vereinfachung und gute Information sich verbinden lassen, zeigt ein Text aus den Niederlanden, der in der Auswertung mit am besten abschnitt. Auf die Frage, ob Rauchen das Risiko einer Infektion erhöht, heißt es kurz und knapp: "Über das Rauchen und das Coronavirus wurde noch nicht viel geforscht. Jeder kann infiziert werden. Wenn Sie rauchen, kann die Krankheit jedoch schwerer verlaufen". Das versteht man auch, wenn man noch nicht einmal seinen Morgenkaffee getrunken hat.

© SZ
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