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Coronavirus:Plötzlich Großfamilie

Ohne Notbetreuung in Not: Was tun, wenn Kinder und Eltern leiden?

Viele Eltern stecken zu Hause zwischen Home-Office und Kinderbetreuung - um sie zu entlasten, entwerfen Wissenschaftler das Konzept "sorgender Gemeinschaften".

(Foto: dpa-tmn)

Wissenschaftler plädieren dafür, Familien in der Krise mehr Kontakte untereinander zu gestatten. Dies soll Eltern entlasten - und gleichzeitig den Infektionsschutz nicht gefährden.

Es reicht von leichtem Murren bis zur kompletten Leugnung, dass Covid-19 eine ernst zu nehmende Gefahr darstellt: Wer sich in sozialen Netzwerken umschaut, bekommt eine Ahnung davon, dass die Bereitschaft bröckelt, das eigene Leben weiterhin stark einzuschränken. Auch das "Covid-19 Snapshot Monitoring" (Cosmo), mit dem verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen wöchentlich ermitteln, wie die Bevölkerung die aktuelle Situation bewertet, konstatiert: Zwar nimmt die Mehrheit der Deutschen die Gefahr durch das neue Coronavirus noch immer ernst, dennoch treten zunehmend "Ermüdungserscheinungen" auf.

"Es gibt Hinweise, dass die soziale Akzeptanz für die Infektionsschutzmaßnahmen langsam nachlässt. Vor allem Familien fühlen sich alleingelassen", sagt Eva Rehfuess, Professorin an der Pettenkofer School of Public Health an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Daher brauche es neben der Notbetreuung, der partiellen Wiederaufnahme des Unterrichts und der sukzessiven Kita-Öffnung, die die Familienminister jetzt in Aussicht gestellt haben, auch "kreative, eigenverantwortliche Lösungen". Eva Rehfuess und weitere Forscher plädieren deshalb dafür, dass mehr informelle private Unterstützung möglich sein sollte - vor allem da, wo Familien an ihre Grenzen gelangen und Großeltern schmerzlich bei der Kinderbetreuung fehlen. Den Wissenschaftlern schwebt eine Art Wahlverwandtschaft aus zwei Familien vor, die sich die unter dem Lockdown schwierig gewordene Aufgaben teilen: Kinderbetreuung, häusliches Unterrichten oder auch alltägliche Besorgungen. "Wichtig ist aber, dass alle Beteiligten sonstige Kontakte weiterhin stark einschränken, um den Infektionsschutz zu gewährleisten", sagt Rehfuess.

Gegenseitige Unterstützung in vergrößerten Wahlfamilien

Die Forscher nennen das Modell "sorgende Gemeinschaft". "Sie bedeutet eine erweiterte Familie, eine gemischte Familie: Zur Kernfamilie treten Personen hinzu, mit denen die Familie in einem engen Austausch steht", sagt Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg und einer der Ideengeber. Damit das Modell gut funktioniere, müsse sich das neue Bündnis allerdings "für mehrere Wochen oder Monate der Gegenseitigkeit verpflichten".

Der Vorschlag ist Teil eines Strategiepapiers, das das interdisziplinäre Forscherteam für die Politik verfasst hat. Epidemiologen, Sozialwissenschaftler, Juristen und weitere Fachleute haben an der Publikation mit dem Namen "Kreativität - Verantwortung - Transformation" mitgearbeitet, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Auch dem Infektionsschutz könnten die "sorgenden Gemeinschaften" helfen

Die informellen Hilfsbündnisse, die die Wissenschaftler vorschlagen, sind prinzipiell nichts Neues. Vielerorts öffnen sich Familien ihren Freunden und Nachbarn, um im banalen Alltag wie auch bei Notfällen füreinander da zu sein. Auch in der Altenhilfe und Behindertenarbeit ist ein ähnlicher Ansatz längst verbreitet.

Eine neue Bedeutung erhält das Konzept jedoch dadurch, dass es auch aus Sicht des Infektionsschutzes sinnvoll erscheint. Eine aktuelle Modellierung von Schweizer und britischen Wissenschaftlern zeigt, dass die Kurve der Covid-Neuerkrankungen am flachsten verläuft, wenn Kontakte auf feste "Mikro-Communities" mit nur wenigen Mitgliedern begrenzt werden. Das Risiko für eine Ausbreitung der Epidemie steigt dagegen, wenn Menschen in größeren oder immer wieder neu zusammengesetzten Gruppen aufeinandertreffen. Mehrere Kinder, die zufällig auf der Straße zum Spielen zusammenkommen, bieten dem Virus die Möglichkeit, in neue Familien vorzudringen, die anderweitig womöglich nie in Kontakt zueinander gekommen wären. Auch aus Familien heraus kann sich der Erreger leichter in ganz verschiedene Richtungen ausbreiten, wenn jedes Mitglied seine eigenen, engen Kontakte unterhält.

Der Kontakt zwischen den Familien ist nicht nur praktisch, sondern unterstützt auch emotional

Die Modellierungsstudie ist noch nicht wissenschaftlich begutachtet worden, plausibel ist jedoch, dass Kontakte innerhalb solcher Minigemeinschaften kein sehr großes Ansteckungsrisiko darstellen. Denn der "Infektionsraum", also die Ausbreitungsmöglichkeiten des Virus, bleibt in diesen Gruppen weiter klein, sagt Eva Rehfuess. Ansteckungen ließen sich zudem leichter nachverfolgen. Gleichzeitig biete der Kontakt den Eltern und Kindern nicht nur neue Freiräume und praktische Hilfe, sondern habe auch einen emotionalen Wert, sagt Kruse. Unklar ist allerdings, wie der Missbrauch solcher Öffnungen vermieden werden kann.

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Eine klare Absage erteilt das Papier dagegen der Idee der natürlichen Herdenimmunität, jenem besonders bei Kritikern der aktuellen Schutzmaßnahmen beliebten Ansatz, nach dem sich möglichst viele Menschen rasch infizieren sollten, um immun zu werden und Sars-CoV-2 damit den Boden zu entziehen. Abgesehen davon, dass noch viel zu wenig über das Ausmaß und die Dauer der Immunität nach einer überstandenen Infektion bekannt ist, halten die Wissenschaftler das Vorgehen für nicht praktikabel. Um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern, müsste die Reproduktionszahl im Bereich von eins gehalten werden. Jeder Infizierte dürfte also im Schnitt nicht mehr als einen weiteren Menschen anstecken. Unter diesen Bedingungen aber, rechnen die Forscher vor, würden binnen eines Jahres nur etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung immun werden. Damit würde es viele Jahre dauern, bis die Herdenimmunität erreicht sei. So lange aber könnten die Schutzmaßnahmen unmöglich aufrechterhalten werden.

© SZ vom 30.04.2020
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