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Covid-19:Wo das Infektionsrisiko groß ist

Türklinke, Pakete, Haustiere? Forscher finden immer mehr über die Übertragungswege des Coronavirus heraus. Wie sich Sars-CoV-2 verbreitet und wie Menschen sich am besten schützen können.

Von Berit Uhlmann

So viel Distanz war nie. Die meisten Menschen haben längst verinnerlicht, dass sie Kontakte meiden und mindestens 1,5 Meter Abstand von ihren Mitmenschen halten sollten. Schon Kinder wissen: Die Hände gehören aus dem Gesicht und sollten möglichst oft und lange mit Seife gewaschen werden. Husten und Niesen erfolgt in ein Taschentuch oder die Armbeuge. Nur: Reicht das aus? Wie sicher ist vor der Lungenkrankheit Covid-19 geschützt, wer all die Regeln strikt befolgt? Was Wissenschaftler bisher über die Übertragung des Erregers Sars-CoV-2 herausgefunden haben.

Wie wird der Erreger übertragen?

Infizierte schicken die Erreger mit Tröpfchen los, die beim Niesen, Husten, vielleicht auch beim Sprechen entstehen. Einmal unterwegs hat Sars-CoV-2 nur ein Ziel: in die Atemwege eines anderen Menschen zu gelangen, um dort neue Zellen zu kapern, in denen es sich vermehren kann. Hat der Erreger Glück, steht ihm der direkte Weg offen. Er gelangt dann mit dem Schwall aus Tröpfchen in Mund, Nase oder Augen eines anderen. Gelegentlich ist das Virus zu Umwegen gezwungen. Es landet dann zunächst im Gesicht oder auf den Händen der angehusteten Person, die es oft unbemerkt weitertransportiert, während sie sich die Nase kratzt oder den Finger ableckt. Der Erreger kann auch erst von Hand zu Hand wandern oder womöglich noch einen Umweg über eine Türklinke oder andere Oberfläche nehmen. Je länger und umständlicher die Route der Viren ist, umso geringer dürfte ihre Chance sein, in ausreichender Menge an ihr Ziel zu gelangen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass die Erreger hauptsächlich über den direkten Weg übertragen werden.

Wann ist ein Infizierter ansteckend?

Der zeitliche Ablauf variiert stark. Im Mittel aber spüren Infizierte etwa sechs Tage nach der Infektion erste Symptome. Doch schon zwei Tage, bevor Husten, Fieber, Gliederschmerzen oder andere Krankheitszeichen einsetzen, können Infizierte andere anstecken. Das heißt, auch Menschen, die noch gar nichts von ihrer Erkrankung wissen, können den Erreger übertragen. Dieses Phänomen erschwert den Kampf gegen Covid-19 enorm. Wie lange Menschen infektiös bleiben, ist derzeit noch nicht sicher zu sagen. Es gilt daher die Regel, dass Erkrankte mindestens 14 Tage lang isoliert bleiben sollten. Zudem sollten sie seit mindestens zwei Tagen symptomfrei sein, ehe sie das Haus wieder verlassen dürfen. Ob Infizierte, die gar keine Symptome entwickeln, das Virus weitergeben können, ist ebenfalls noch nicht sicher.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken?

Wer nur noch wenigen Menschen begegnet, hat statistisch gesehen zunächst ein geringes Risiko, überhaupt auf einen Infizierten zu treffen. Selbst wenn man von 100 000 aktuell infektiösen Menschen in Deutschland ausgeht und annimmt, dass der Einzelne im Laufe seines Tages etwa zehn Menschen ausreichend nahekommt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass unter diesen ein ansteckender Mensch ist, rein rechnerisch bei 1,2 Prozent. Und selbst wenn dieser Mensch auf einen infektiösen Zeitgenossen trifft, muss er sich nicht zwangsläufig anstecken.

Forscher haben neun soziale Situationen analysiert, in denen Infizierte mit Gesunden zusammenkamen; in den meisten Fällen nahmen sie gemeinsam eine Mahlzeit ein. Im Schnitt infizierten sich nur 35 Prozent der Anwesenden. Wer sich angesteckt hat, muss wiederum nicht unbedingt erkranken. Verschiedenen Analysen zufolge werden zwischen 70 und 85 Prozent aller Infizierten krank. Unter Umständen aber können all diese Risiken sehr viel größer sein. Gelangt der Erreger beispielsweise in ein Altenheim oder eine überfüllte Flüchtlingsunterkunft, können sehr viel mehr Menschen angesteckt werden und anschließend womöglich schwer leiden.

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Wie lange hält sich der Erreger auf Oberflächen?

Zwei Studien legen nahe, dass Sars-CoV-2 auf Plastik und Edelstahl bis zu vier Tage lang ausharren kann. Auf einem Geldschein konnten Viren noch nach zwei Tagen nachgewiesen werden, auf Textilien und Pappe nach einem Tag. Auf Papier waren dagegen nach drei Stunden keine Erreger mehr detektierbar. Auf allen getesteten Oberflächen nahm die Menge der Viren sehr schnell ab. Wie groß die Gefahr ist, dass die Erreger nach längerer Zeit auf einem Gegenstand noch Menschen befallen, ist nicht sicher. Wer sich Sorgen über die Kontaminierung von Gegenständen im öffentlichen Raum macht, sollte sich auch fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Erreger überhaupt auf eine Oberfläche gelangt ist. Die Packung Salz aus dem untersten Regal im Supermarkt dürfte weniger riskant sein als der Griff des Einkaufswagens, den zuvor schon etliche andere Menschen berührt haben. Auch das Paket, das der Postbote vorsichtig anreicht, stellt wahrscheinlich kein großes Infektionsrisiko dar. Kunden können sich durch Händewaschen, unter Umständen auch durch Desinfektionsmittel schützen. Keinen Hinweis gibt es bislang, dass das Coronavirus über Lebensmittel übertragen wird.

Welche Temperaturen machen Sars-CoV-2 unschädlich?

Wer das 60-Grad-Programm an der Waschmaschine oder dem Geschirrspüler einstellt, dürfte die Viren zuverlässig inaktivieren. In Experimenten war das Virus bei einer Umgebungstemperatur von 70 Grad schon nach fünf Minuten nicht mehr nachweisbar. Bei 56 Grad Celsius war es nach spätestens 30 Minuten inaktiviert. Temperaturen zwischen vier und 37 Grad vertrug der Erreger besser - und ließ sich zwischen einem und 14 Tage lang nachweisen. Doch auch bei niedrigen Temperaturen gibt es Hilfe: Die Viren lassen sich durch fettlösende Substanzen wie Tenside unschädlich machen. Solche Stoffe sind in gängigen Wasch- und Spülmitteln sowie in Seife enthalten. Sie zerstören die Fettschicht, die das Erbgut von Sars-CoV-2 umhüllen.

Kann man sich bei seinem Haustier anstecken?

Zunächst war es nur ein Spitz in Hongkong, in dessen Schnauze das Coronavirus gefunden wurde. Dann wurden mindestens ein weiterer Hund und zwei Katzen positiv auf das Coronavirus getestet. Auch in Experimenten infizierten sich Katzen und gaben das Virus anschließend an Artgenossen weiter. Doch bislang gibt es keinen Nachweis, dass die Tiere Virusmengen ausscheiden, die für eine Infektion des Menschen ausreichen. Das für Tiergesundheit zuständige Friedrich-Loeffler-Institut sieht daher keine Veranlassung, dass Menschen jetzt ihren Kontakt zu Haustieren einschränken oder ihre Haustiere abgeben sollten. Wie immer gelten jedoch die Hygieneratschläge: Halter sollten Tiere fern von ihrem Gesicht halten und sich nach dem Kontakt gründlich die Hände waschen. Wer selbst erkrankt ist, sollte das Tier durch ausreichend Abstand schützen. Für Landwirte gab es bereits eine erste vorsichtige Entwarnung. Zumindest Schweine und Geflügel scheinen nicht anfällig für eine Infektion mit Sars-CoV-2 zu sein.

Geht Gefahr vom Trinkwasser oder Abwasser aus?

Bislang gibt es keinen Nachweis, dass das neue Coronavirus durch Trinkwasser übertragen werden kann. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch das Umweltbundesamt (UBA) argumentieren, dass die Hülle des Virus vergleichsweise empfindlich gegen Umwelteinflüsse oder Chemikalien wie Chlor ist. Das UBA weist zudem darauf hin, dass Trinkwasser in Deutschland durch mehrere verschiedene Barrieren vor Krankheitserregern geschützt ist. Unter anderem eliminieren Filter und Desinfektionsmaßnahmen Viren aus dem Leitungswasser. "Eine Übertragung des Coronavirus über die öffentliche Trinkwasserversorgung ist nach derzeitigem Kenntnisstand höchst unwahrscheinlich", schreibt die Behörde. Inwieweit der Covid-19-Erreger im Abwasser verbreitet ist, ist noch nicht geklärt. Man weiß, dass bis zu zehn Prozent der Erkrankten an Durchfällen leiden. In Einzelfällen wurde der Erreger bereits im Stuhl von Patienten gefunden. Dennoch gibt es im Moment keinen Hinweis, dass diese Route eine Rolle bei der Übertragung der Infektionskrankheit spielt.

© SZ vom 07.04.2020
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