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Coronavirus:Sorglos ins Freie

Coronavirus - Bayern

Wie hier in München zieht das schöne Wetter viele Menschen ins Freie. Abstandsregeln werden dort oft nicht eingehalten.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Draußen gibt es kein Ansteckungsrisiko? Das Freizeitgebaren vieler Menschen vermittelt gerade diesen Eindruck. Doch auch an der frischen Luft sollte man sich an Regeln halten.

Von Christina Kunkel

Draußen am Badesee oder im Biergarten merkt man zunehmend wenig von der Sorgfalt, die viele Menschen in geschlossenen Räumen noch an den Tag legen. Kein Wunder, wurde doch zuletzt immer nur über den Winter geredet, über stickige Klassenzimmer und Clubs, in denen das Coronavirus dann leichtes Spiel haben wird. Während drinnen der feine Aerosol-Nebel als große Gefahr lauern soll, gelten Sommer, Sonne und frische Luft als sichere Infektionsverhinderer. Auch deshalb sieht man im Freien kaum Masken, Menschen teilen sich wieder Picknickdecken und Bierflaschen. Doch können wir wirklich alle beruhigt die Sonnenstrahlen genießen oder ist das eine trügerische Sicherheit?

Trotz aller neuen Erkenntnisse zu Aerosolen, die im Freien tatsächlich kaum eine Rolle spielen, weil sie schnell verfliegen, halten Experten Tröpfcheninfektionen immer noch für den Hauptübertragungsweg - also eine Ansteckung durch größere Flüssigkeitspartikel, die beim Sprechen, Husten oder Niesen enstehen und im Abstand von ein bis zwei Metern zu Boden sinken. Das Risiko vergrößert sich, je länger man sich in geringem Abstand zu einer infektiösen Person aufhält. Daher ist es weiterhin wichtig, auch an der frischen Luft Abstand zu halten.

"Enger Kontakt ist auch im Freien riskant," bestätigt Stephan Harbarth, Infektiologe an der Universität in Genf. Gerade typische Party-Situationen - mit lautem Sprechen oder Singen ohne Abstand - könnten draußen genauso zur Ansteckung führen wie in geschlossenen Räumen. "Wenn direkt neben mir einer brüllt und er infektiös ist, dann ist es auch egal, ob es 30 Grad hat", sagt Harbarth.

Anders als bei anderen Viren wie Influenzaerregern gebe es bei Sars-CoV-2 nur einen geringen Effekt von Hitze oder Sonne. "Das sieht man schon daran, dass sich das Virus auch in Ländern mit hohen Temperaturen verbreitet", erklärt der Genfer Infektiologe. Dennoch hat es das neuartige Coronavirus bei starker Sonneneinstrahlung und Wärme offenbar ein bisschen schwerer als in kühler Dunkelheit, wie unter anderem eine Studie zeigt, die im Fachblatt Emerging Infectious Diseases der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC veröffentlicht wurde. Demnach ist Sars-CoV-2 im Sekret aus Nasen und Rachen besonders lange nachweisbar, wenn die Temperaturen zwischen null und zehn Grad liegen.

Die Wissenschaftler hatten entsprechende Proben bei vier, 21 und 27 Grad sowie einer Luftfeuchtigkeit von 40 Prozent analysiert und die Halbwertszeit der Viren gemessen. Bei 27 Grad - also unter Bedingungen wie an warmen Sommertagen - überdauerte das Virus die kürzeste Zeit. So könnte auch im Freien zumindest die Gefahr von Schmierinfektionen reduziert sein, weil das Virus auf Oberflächen schneller austrocknet.

Aber ist das auch ein Freibrief für Massenveranstaltungen wie große Demonstrationen oder gar Konzerte und Fußballspiele, sofern sie im Freien stattfinden? Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Dass auch ausgehend von Großevents im Freien größere Coronavirus-Ausbrüche ihren Lauf nehmen können, war am Anfang der Pandemie etwa beim Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia oder bei der Frauenrechte-Demonstration in Madrid zu beobachten. Wobei dort weder Masken getragen noch Abstandsregeln eingehalten wurden, anders, als es jetzt etwa von der Deutschen Fußballliga für die kommenden Bundesligaspiele vorgesehen ist.

Veranstaltungen mit Masken- und Abstandsgebot sind unbedenklicher als dichtes Gedränge

In Deutschland gaben Gesundheitsbehörden gegenüber dem Deutschlandfunk zudem an, dass aus den späteren Querfront-Demonstrationen in Stuttgart, aber auch aus den Black-Lives-Matter-Protesten oder dem Rave auf dem Berliner Landwehrkanal offenbar keine neuen Massenausbrüche hervorgingen. Allerdings war das Infektionsgeschehen zur Zeit dieser Demos allgemein recht überschaubar - die Wahrscheinlichkeit, dass sich Infizierte unter den Teilnehmern befanden, war deutlich geringer als noch im März.

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Zudem könnte ein Teil der dokumentierten Ansteckungen auch während der An- und Abreise zu Massenveranstaltungen geschehen sein, etwa als sich viele Menschen in Busse und Bahnen quetschten. Eine Veranstaltung im Freien, bei der Abstand eingehalten wird und die Teilnehmer Masken tragen, ist auf jeden Fall unbedenklicher als eine Zusammenkunft in geschlossenen Räumen.

Dort spielt neben der Übertragung durch Tröpfchen vermutlich auch eine Ansteckung über Aerosole eine Rolle. Das sind kleinste Partikel, die nicht zu Boden sinken, sondern sich wie ein feiner Nebel in einem Raum verteilen. Während diese feinen Tröpfchen draußen flüchtig sind und sich dabei rasch verdünnen, können sie sich in Innenräumen anreichern, besonders wenn schlecht oder gar nicht gelüftet wird. Hatte man diese Art der Virusverbreitung am Anfang nicht wirklich im Blick, gibt es inzwischen Studien, die Infektionscluster teilweise auf eine Aerosol-Übertragung zurückführen - wie etwa den Ausbruch in einem amerikanischen Kirchenchor oder in einem chinesischen Restaurant. Bald könnte dieses Risiko wieder bedeutender werden.

© SZ
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