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Coronavirus:Schluss mit Lockerungsübungen

Die Bundesnotbremse setzt Modellversuchen wie in Tübingen und dem Saarland ein Ende. Ist das richtig oder eine vertane Chance?

Von Christina Kunkel

Mutig oder verantwortungslos - zwischen diesen Polen bewegten sich in den vergangenen Wochen die Einschätzungen zu Modellprojekten, die mit umfangreichen Tests Corona-Lockerungen möglich machen sollten. Erst schauten alle gespannt nach Tübingen, dann ging man im Saarland bei den Öffnungen noch einen Schritt weiter. Viele weitere Städte und Regionen bettelten regelrecht darum, auch Teil der Lockerungsversuche zu werden. Doch jetzt ist erst mal Schluss damit. Die Bundesnotbremse, wie die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes genannt werden, die vermutlich in den kommenden Tagen in Kraft treten werden, beendet wohl auch die meisten Modellprojekte.

"Ab Montag ist also auch bei uns alles dicht. Theater, Handel, Schulen und Kitas", schreibt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer auf seiner Facebook-Seite. Die Tübinger Ärztin Lisa Federle, die das Öffnungsprojekt maßgeblich konzipiert hat, reagierte enttäuscht und traurig darüber, dass der Versuch nun beendet wird.

Nach Angaben des baden-württembergischen Sozialministeriums vom Donnerstag werden mit Inkrafttreten des Vierten Bevölkerungsschutzgesetzes neben dem Tübinger Modell ebenso andere Projekte ausgesetzt. "Auch für andere entsprechende Projekte ist dann kein Raum mehr." Ähnlich dürfte es dann auch anderen Modellregionen ergehen, bei denen die Sieben-Tage-Inzidenz bei mehr als 100 liegt. Das würde auch auf mehrere Kreise im Saarland zutreffen, wo im sogenannten "Saarland-Modell" aktuell im gesamten Bundesland trotz einer Inzidenz über der 100er-Marke etwa die Außengastronomie sowie Kultur- und Sportstätten geöffnet sind.

Was lässt sich über das Projekt aus wissenschaftlicher Sicht sagen?

Der Kreis Tübingen hat aktuell eine Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 180 - also weit über dem bundesweiten Notbremsen-Wert von 100. In der Stadt selbst lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner laut den Angaben des Sozialministeriums zuletzt bei 91. Allerdings hatte man dort die Regeln zwischendurch auch wieder verschärft. Seit Ostern ist die Außengastronomie wieder geschlossen, die "Tübingen-Pässe", die mit einem tageaktuellen, negativen Schnelltest den Zugang zum Handel und Kultureinrichtungen ermöglichen, werden schon seit zwei Wochen nur noch an Menschen aus der Stadt oder dem Landkreis ausgegeben. Ob man also wirklich differenzieren kann zwischen den Zahlen aus der Stadt und dem gesamten Kreis, ist fraglich.

Doch was lässt sich über den Erfolg oder Misserfolg des Projekts aus wissenschaftlicher Sicht sagen? Ein Forscherteam der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU), der Universität Tübingen und der Syddansk Universitet (Süddänische Universität) in Odense hat versucht, Erkenntnisse aus dem Modellversuch abzuleiten. Die Wissenschaftler gingen der Frage nach, ob und wenn ja, wie, sich die Infektionszahlen in Tübingen durch das Projekt verändert haben. "Davon ist aus zwei Gründen auszugehen: Zum einen gibt es durch die vermehrten Kontakte, etwa beim Einkaufen, Frisör- oder Theaterbesuch, mehr Infektionsmöglichkeiten und zum anderen werden durch die zusätzlichen Tests mehr Infektionen entdeckt", sagt Klaus Wälde, Volkswirt an der JGU und Leiter der Studie. Das zusätzliche Entdecken von infizierten Personen durch vermehrtes Testen könne allerdings auch dazu führen, dass diese Personen sich in Quarantäne begeben und dass dadurch die Infektionszahlen anschließend sinken.

Den größten Unterschied gab es Anfang April

Da es aber keine echten Vergleichsstädte gibt - also einmal Tübingen mit Modellversuch und einmal ohne - erschufen die Wissenschaftler eine Art synthetisches Tübingen. Sie suchten sich dazu aus anderen Landkreisen und kreisfreien Städten in Baden-Württemberg diejenigen heraus, die mit Tübingen in der Entwicklung der Corona-Fallzahlen bis Mitte März und in bestimmten Strukturmerkmalen am stärksten übereinstimmten - etwa der Bevölkerungsdichte, dem Durchschnittsalter der Bevölkerung und dem Angebot an Ärzten und Apotheken. Danach verglichen sie, wie sich die Zahl der Neuinfektionen in dieser Kontrollgruppe (dem "synthetischen Tübingen") im Vergleich zum echten Tübingen nach Beginn des Modellprojekts entwickelte. "Dabei beobachten wir ab Ende März eine deutliche Zunahme der Infektionszahlen in Tübingen gegenüber denen der Kontrollgruppe", so Klaus Wälde. Den größten Unterschied berechneten er und seine Kollegen für Anfang April: "Dann lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Tübingen bei 144, während sie für die Kontrollgruppe bei 100 liegt." Danach verkleinerte sich dieser Unterschied wieder, wobei nicht klar ist, ob das nicht auch darauf zurückzuführen ist, dass eben in Tübingen einige Maßnahmen nach Ostern wieder deutlich verschärft wurden.

Oft wird argumentiert, dass die Inzidenz nur deshalb steigt, weil eben in Tübingen auch viel mehr getestet wurde - man deshalb also mehr asymptomatisch Infizierte entdeckt. Auch dieser Frage sind die Forscher nachgegangen. "Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann", sagt Studienleiter Wälde dazu. Das heißt: Im Rahmen des Modellprojekts haben sich vermutlich mehr Menschen infiziert als ohne die Lockerungen.

© SZ/dpa/vsch
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