bedeckt München 15°
vgwortpixel

Cannabidiol:Der neue Hype um CBD

Products are displayed at Dorothy Stepnowska's Flower Power Coffee House, a CBD cafe, in the Queens borough of New York

CBD-Produkte sind mittlerweile auch in Deutschland erhältlich - doch die rechtliche Lage rund um Cannabidiol ist unklar

(Foto: REUTERS)
  • Produkte mit dem Hanf-Inhaltsstoff Cannabidiol, kurz CBD, sind leicht erhältlich.
  • Sie gelten als Nahrungsergänzungsmittel und sind damit nicht so streng kontrolliert wie Medikamente.
  • Die rechtliche Lage ist unklar; auch die gesundheitlichen Auswirkungen sind nicht gut erforscht.

Am Münchner Hauptbahnhof riecht es jetzt öfters nach Marihuana. Getrocknete Hanfblüten, Hanf-Öl, -Schokolade und -Lutscher kann man ohne Rezept in einem kleinen Shop neben einem Supermarkt kaufen. Die Einrichtung erinnert an ein Hipster-Geschäft, die Theke ist weiß, die Retro-Schränke könnten aus einer alten Apotheke stammen. Kein "Bob Marley"-Poster hängt an der Wand, und der Verkäufer trägt keine Rastazöpfe.

Und auch das THC fehlt, der Stoff, der Cannabis seine rauschhafte Wirkung verleiht. Stattdessen enthält hier alles Cannabidiol, kurz CBD. Das Molekül stammt aus der weiblichen Hanfpflanze und wirkt antientzündlich, angstlösend und entspannend, auch auf die Muskulatur. Es bindet an Rezeptoren im körpereigenen Endocannabinoidsystem. Während THC im Cannabis für den aktivierenden und psychoaktiven Rausch sorgt, ist CBD das beruhigende und neuroprotektive Gegenstück. Drei Tropfen unter die Zunge geträufelt, und Nervosität, Kopfschmerzen und Entzündungen verschwinden - so versprechen es sich jedenfalls viele Konsumenten. Das dunkelgrüne Hanf-Öl wird als Kapsel oder in Tropfenform dargereicht, es schmeckt bitter mit pflanzlicher Würze, die an den Geruch feuchter Erde oder Moos erinnert.

Der Coca-Cola-Konzern bekundete kürzlich Interesse an einem Cannabinoid-Getränk

Der gewöhnungsbedürftige Geschmack schmälert den Hype nicht. In New York ist die plötzliche Verbreitung von CBD-versetzten Lebensmitteln wie Cocktails, Brownies und Kaffees derart außer Kontrolle geraten, dass die Behörden Geldstrafen gegen Restaurants und Cafés verhängen, die ihrer Speisekarte mit CBD Reiz verleihen. Auch in Deutschland kann man CBD beim Drogeriemarkt kaufen, Start-ups und Geschäfte schießen in Großstädten aus dem Boden. Der Coca-Cola-Konzern bekundete kürzlich Interesse an möglichen Cannabinoid-Getränken.

Konsumenten jubeln in Internetforen, CBD habe sie von Depressionen, Muskelspasmen und chronischen Gelenkschmerzen befreit. Gleichzeitig berichten enttäusche Schmerzpatienten, dass sie keine Wirkung des Hanfelixiers spüren. Viele fragen sich zudem, ob CBD-Öl nicht illegal ist. Die einen sehen in CBD ein seriöses Medikament oder Naturprodukt, die anderen ein neues, gefährliches "Legal High".

Zur Verwirrung trägt bei, dass es Händlern von CBD-Öl in Deutschland nicht gestattet ist, Dosierungen zu empfehlen oder aufzuführen, was CBD bewirkt. Die Produkte gelten als Nahrungsergänzungsmittel und dürfen somit keine ausgeprägte pharmakologische Wirkung haben und nicht therapeutisch beworben werden. Gleichzeitig fällt damit die Kontrolle weg: Für Medikamente muss eine Wirkung nachgewiesen sein, für Nahrungsergänzungsmittel nicht. Auch die Zusammensetzung wird nicht im gleichen Maße reguliert. Eine ideale Gemengelage für Betrüger, die das schnelle Geschäft wittern.

Tatsächlich halten viele Produkte in Onlineshops nicht, was sie versprechen, wie Forscher aus Italien vor Kurzem anhand von Stichproben gezeigt haben. Bei rund zwei von drei der in Europa gekauften Produkte entsprach der CBD-Gehalt auf dem Etikett nicht dem Inhalt. Einige enthielten gar kein CBD, eins mehr THC als erlaubt. Das wurde auch Händlern in München vor wenigen Tagen zum Verhängnis, als etwa 180 Polizeibeamte verschiedene Hanf-Shops durchsuchten, darunter auch den am Hauptbahnhof. Verdacht: zu viel THC in den Produkten.

Auch in Brüssel herrscht Unsicherheit. Die EU berät derzeit, ob CBD ein "novel food" ist, ein neuartiges Lebensmittel. Die entsprechende Richtlinie besagt, dass alle Lebensmittel, die nach 1997 eingeführt und verzehrt wurden, geprüft werden müssen, bevor sie auf den Markt kommen dürfen. Herstellern von CBD stünden für die Zulassung Kosten in Millionenhöhe und langwierige Verfahren bevor - für jedes Produkt.

"Wenn das Hanf-Extrakt die gleiche natürliche Konzentration hat wie die Nutzpflanze, sollte es gemäß der EU-Richtlinien kein neuartiges Lebensmittel sein", findet Lorenza Romanese, Sprecherin des Europäischen Industriehanf-Verbands. Der Ursprung der Öle spielt wohl eine Rolle: Einige werden nicht aus Hanf gepresst, sondern sind Speiseöle, denen künstlich CBD-Kristalle beigesetzt wurden. Dadurch könnten sie kein natürliches Hanfprodukt mehr sein, sondern als "novel food" gelten.

Zumindest im Tierversuch entspricht die angstlösende Wirkung der von Valium

Zur Situation in Deutschland erklärt das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, ihm sei keine "Fallgestaltung" bekannt, wonach CBD in Lebensmitteln verkehrsfähig, also handelsfähig, sei. Im Klartext: Es gab noch kein richterliches oder behördliches Urteil, das CBD-haltige Lebensmittel explizit erlaubt oder verboten hat. Für die Zulassung von Nahrungsergänzungsmitteln seien jedoch die Bundesländer zuständig.

Neben der Diskussion um cannabidiolhaltige Lebensmittel gibt es auch eine um den medizinischen Einsatz. In den USA wurde der Stoff bereits als Medikament zur Behandlung von Epilepsien bei Kindern zugelassen, deutsche Forschergruppen prüfen die Anwendung bei Krebs. Auch für Patienten mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie birgt CBD Hoffnung.

Während starker Konsum von THC das Risiko für psychotische Erkrankungen erhöht, scheint CBD entsprechende Symptome zu lindern, wie eine Studie an etwa 100 Probanden am King's College, London, nahelegt. In einer Untersuchung der Uni Köln erhielten 41 schizophrene Patienten vier Wochen CBD oder ein herkömmliches Antipsychotikum - Cannabidiol wirkte genauso gut wie Amisulprid, das mit Nebenwirkungen wie Angstzuständen oder Schlaflosigkeit einhergeht.

Die angstlösende Wirkung kommt zumindest in Tierversuchen der des Beruhigungsmittels Valium gleich. In hohen Dosen nimmt CBD allerdings erheblichen Einfluss auf den Stoffwechsel und hemmt Enzyme in der Leber. Das führt zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, wovor auch die Weltgesundheitsorganisation warnt. Psychopharmaka haben indes schwerere Begleiterscheinungen. In einem Bericht erklärt die WHO, CBD sei im Allgemeinen gut verträglich und sicher.

Mit ärztlichem Rezept ist CBD genauso wie medizinisches Cannabis hierzulande in Apotheken erhältlich. Allgemeinmediziner Franjo Grotenhermen ist der Vorsitzende des Vereins "Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin", gerade hat er ein Buch zum therapeutischen Potenzial von CBD veröffentlicht. Er ist überzeugt, dass CBD gegen Depressionen, Entzündungen und Epilepsien wirkt und außerdem Psychosen vorbeugt.

Allerdings würden die Präparate aus dem Internet in den üblichen Dosen wenig nützen. "Eine gewisse Entspannung und Sedierung sind nach Einnahme erwartbar", sagt Grotenhermen. Während die empfohlenen drei Tropfen aus einem 15%-Hanföl rund 15 Milligramm CBD enthalten, nahmen Patienten mit Schizophrenie in einer Studie eine tägliche Dosis von 800 mg. "Da helfen nicht nur ein paar Tropfen", sagt Grotenhermen.

Viele Patienten können sich CBD jedoch nicht in der erforderlichen Dosis leisten. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten von rund 120 Euro pro 1000 mg meist nicht. Den Freizeit-Konsum von CBD sieht Grotenhermen ambivalent. "Firmen verdienen damit viel Geld und möchten natürlich, dass CBD ein Lifestyle-Produkt ist."

© SZ vom 18.04.2019
Sucht und Drogen Kiffende Mütter, bedröhnte Senioren

Legalisierung von Cannabis

Kiffende Mütter, bedröhnte Senioren

Von heute an ist Cannabis in Kanada legal. Die Sorge um gesteigerten Konsum ist ziemlich sicher unbegründet - die Risiken verbergen sich anderswo.   Von Berit Uhlmann

Zur SZ-Startseite