Affäre um Heidelberger Uniklinik:Gutachter: Versprochenes Verfahren für Brustkrebstest gibt es bisher nicht

Bluttest

Es wäre eine medizinische Sensation und ein Traum für Patientinnen: Wenn sich aus wenigen Tropfen Blut zuverlässig ablesen ließe, ob eine Frau von Brustkrebs betroffen ist.

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Forscher des Universitätsklinikums Heidelberg sind wegen einer PR-Aktion vom Februar für einen wissenschaftlich nicht fundierten Brustkrebstest ins Visier von Staatsanwaltschaft und Öffentlichkeit geraten.
  • Unterlagen aus dem Klinikum zeigen, dass der gesamte Vorstand in die Vorgänge verstrickt ist.
  • Gleichzeitig kritisierte ein Gutachter noch im April, dass es nicht einmal einen Prototypen des Tests gebe.

Von Christina Berndt und Frederik Obermaier

Aufräumen ist ein lästiges Geschäft. Dazu kann man schon im Kindergarten aufschlussreiche Sozialstudien anfertigen. Die einen helfen, so gut sie können; die anderen tun nur so und nutzen das Chaos für die eigene Agenda, und die Dritten zeigen mit dem Finger auf andere. All das kann man derzeit auch am Universitätsklinikum Heidelberg beobachten, wo mit einer Mischung aus Unverstand und Gier der Ruf der ältesten deutschen Universität zerlegt wird. Weit über die Landesgrenzen hinaus hat eine PR-Aktion für einen wissenschaftlich nicht fundierten Brustkrebstest für Kopfschütteln gesorgt. Seither tun auch in Heidelberg viele so, als würden sie aufräumen. Aber statt gemeinsam den Scherbenhaufen zu beseitigen, machen es einige Verantwortliche nur noch schlimmer.

Im Februar hatten Forscher des Universitätsklinikums eine vermeintliche Weltsensation vorgestellt: Sie hätten einen Test auf Brustkrebs entwickelt, der anhand von ein paar Tropfen Blut feststellen kann, ob eine Frau erkrankt ist, proklamierten sie auf einer Pressekonferenz und in der Bild-Zeitung.

Doch dann wurde bekannt, dass es an einer wissenschaftlich anerkannten Grundlage für diese Behauptungen fehlte, dass es womöglich Interessenskonflikte bei beteiligten Forschern gibt, und dass vielleicht sogar jemand mit dem Wissen um die vollmundige Ankündigung viel Geld gemacht hat. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft; der Verdacht des Insiderhandels und der Börsenmanipulation steht im Raum. Auch die Innenrevision des Klinikums wurde eingeschaltet, sie verschickte Fragebögen an alle Beteiligten und ging vielen Spuren nach. Womöglich gründlicher als manchem lieb ist.

Versuchen die Beteiligten in einem seltsamen Spiel, ihre Posten zu behalten?

Die Ergebnisse dieser internen Prüfung werfen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ein neues Licht darauf, wer für die PR-Katastrophe vom Februar verantwortlich ist. Sie zeigen, dass der gesamte Vorstand des Klinikums - bestehend aus der Leitenden Ärztlichen Direktorin Annette Grüters-Kieslich, der Kaufmännischen Direktorin Irmtraut Gürkan und dem Dekan Andreas Draguhn - die folgenreiche Pressekonferenz vorangetrieben oder zumindest gebilligt hat und somit in die Bluttest-Affäre verstrickt ist.

Die Aufräumarbeiten aber treffen erst einmal andere. Jüngst flatterte der Technologie Transfer Heidelberg (TTH), einer Tochterfirma der Universitätsklinik, die Erfindungen zu Patenten, Produkten und Geld machen und auch bei der Vermarktung des Bluttests helfen sollte, eine Kündigung ins Haus. Die bisherige Praxis habe sich "nicht bewährt", heißt es in dem schmallippigen Schreiben des Rektors der Universität. Künftig will nun - entgegen dem internationalen Trend zu einem unternehmerischen Technologietransfer - das Rektorat für die Vermarktung von Erfindungen zuständig sein.

Einer der bisherigen Geschäftsführer der TTH, der zugleich auch Leiter der Rechtsabteilung des Universitätsklinikums ist, wurde indes ohne Angaben von Gründen freigestellt. Und die so kritische Innenrevision soll nach SZ-Informationen künftig der Ärztlichen Direktorin unterstellt werden.

Die Aktionen wirken willkürlich. Denn während eine Mitverantwortung der TTH-Geschäftsführer an der tragischen PR-Aktion fraglich ist, ist eine direkte Beteiligung der Klinikumsführung durch interne Unterlagen belegt, die der SZ vorliegen. Sowohl die Ärztliche Direktorin als auch der Dekan haben demnach neben dem leitenden Wissenschaftler, dem Gynäkologieprofessor Christof Sohn, aktiv das PR-Desaster vorangetrieben, das den Ruf von Deutschlands Vorzeige-Uni international beschädigt hat. Sie segneten die Pressemitteilung ab und beförderten den flankierenden Jubelbericht in der Bild-Zeitung, obwohl kritische Stimmen im Klinikum im Vorfeld immer wieder Bedenken äußerten.

"So langsam bekomme ich Bauchschmerzen", schrieb die Pressesprecherin

"Prima", fand etwa Draguhn das Interview, das die Bild am 21. Februar veröffentlichte, um den Brustkrebstest zu feiern, und das schon Wochen zuvor zwischen Zeitung und Klinikum hin und her ging. Außer ihm hat auch Grüters-Kieslich "an der textlichen Abstimmung" des Bild-Interviews mitgewirkt, wie es in einem internen Bericht heißt. Der Dekan freute sich über den Zeitungstext: "Das ist sehr gute Kommunikation mit der Öffentlichkeit." Heute betont Draguhn auf Anfrage, seine positive Bewertung habe sich auf die journalistische Darstellung und Verständlichkeit des Textes bezogen. Die inhaltlichen Aussagen hätten schließlich in der Verantwortung der Wissenschaftler gelegen.

Die "Weltsensation" wurde öffentlich zerpflückt

Doch die Vorstände wurden auch gewarnt - und diese Warnungen wurden offenbar beiseite gewischt: "So langsam bekomme ich Bauchschmerzen", schrieb die Pressesprecherin drei Tage vor der Pressekonferenz. Immer wieder machte sie auf mögliche Probleme aufmerksam. Mal schrieb sie von einer "brisanten Situation", mal warnte sie, es würden "weitreichende Aussagen in einem kritischen Journalistenumfeld" gemacht, obwohl "Daten und Validität" des Tests "noch nicht ganz klar" seien. Am 19. Februar, zwei Tage vor dem Showdown, fragte sie in einer Mail an alle Vorstandsmitglieder noch einmal mahnend, "wie weitgehend man sich äußern möchte".

Die Pressesprecherin sollte Recht behalten: Schon bald nach der Pressekonferenz wurde die mit breiter Brust gefeierte "Weltsensation aus Deutschland" (so die Bild) öffentlich zerpflückt. Die seriöse Presse zerlegte die Kampagne, Fachgesellschaften kritisierten den Test, der es noch nicht einmal zu einer Publikation in einer Fachzeitschrift gebracht hatte - ein Gütesiegel für Forschung und an seriösen Universitäten die Grundlage dafür, mit einer Entdeckung an die Presse zu gehen.

Nicht so in Heidelberg. Dort wurde erst nach dem Presse-Desaster eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben. Der Tumorbiologe Magnus von Knebel Doeberitz sollte den Test prüfen - und kam Anfang April zu einem niederschmetternden Ergebnis: Der Test war noch unfertiger, als viele bis dahin schon befürchtet hatten: "Daher muss klar festgehalten werden, dass es das in der Pressemitteilung erwähnte Verfahren bisher nicht gibt", heißt es in der Stellungnahme von Knebel Doeberitz an den Dekan, die der SZ vorliegt, es gebe noch nicht einmal einen Prototypen. "Somit können auch keinerlei Angaben zum diagnostischen Wert des avisierten, aber noch nicht vorhandenen Produktes gemacht werden."

Persönlich will sich Knebel auf SZ-Anfrage nicht zu dem Bericht äußern, dieser sei intern und vertraulich, sagt er. Christof Sohn lässt von der Presseabteilung ein Statement an die SZ schicken, das später wieder zurückgezogen wird. Doch der Bericht spricht ohnehin Bände, das Fazit des Prüfers ist gnadenlos: Die Angaben aus der Pressemitteilung müssten schlichtweg "als nicht begründet angesehen werden", schließt Knebel Doeberitz.

Eine Einsicht, die der Vorstand des Klinikums früher hätte erlangen können - wenn der Dekan getan hätte, was ihm aufgetragen wurde. Wie aus den internen Unterlagen hervorgeht, wurde Draguhn vor der Pressekonferenz mehrmals aufgefordert, die von Christof Sohn gemachten Angaben zum Test zu überprüfen.

Eigentlich war spätestens seit April 2018 bekannt, dass der Test die Hoffnungen nicht erfüllt

Denn Zweifel bestanden. Eigentlich war im Klinikum seit April 2018 bekannt, dass der Test nicht die früher proklamierte sagenhafte Sensitivität und Spezifität von 100 Prozent erreicht, sondern gerade mal eine Genauigkeit von 70 Prozent. Damit wäre er keine Konkurrenz für andere Brustkrebstests - eine Münze zu werfen wäre nicht viel schlechter. Trotzdem sprach Sohn in einer Sitzung am 18. Januar davon, eine große Pressekonferenz im Februar geben zu wollen. Die Daten seien jetzt gut.

Es war ausgerechnet der nun geschasste Leiter der Rechtsabteilung, der am 29. Januar den Fakultätsvorstand darüber informierte, dass bereits Agenturen mit der Vorbereitung der Pressekonferenz beauftragt seien. So steht es in dem internen Bericht. Demnach empfahl er, "Herrn Professor Sohn um Darlegung der wissenschaftlichen Validität der Daten" zu bitten. Im Anschluss an eine Fakultätsvorstandssitzung am 30. Januar teilte die Geschäftsführung dem Dekan per Mail mit, dass er die Daten bitte prüfen möchte.

Doch Draguhn tat offenbar nicht, wie ihm aufgetragen worden war. Weshalb er keine Prüfung durchführte? Auf diese Frage erhält die SZ eine Antwort des gesamten Vorstands. Mehrere Vorstandsmitglieder hätten mit Professor Sohn über die Daten "Gespräche geführt", dabei sei ihnen die Qualität der Datenlage bestätigt worden.

Insgesamt äußern sich die Vorstände inzwischen zerknirscht. Es sei "eine der Aufgaben eines Universitätsklinikums, Forschungsergebnisse in die klinische Praxis zu übertragen", schreiben sie. Deshalb sei es ihnen wichtig gewesen, die Ausgründung HeiScreen, die den Test entwickelt hat, "bei ihrem Wunsch nach öffentlicher Wahrnehmung zu unterstützen". Man habe gedacht, es könnte gelingen, "die Interessen eines privaten Investors" mit denen des Klinikums in Einklang zu bringen. Das hat offenkundig nicht geklappt. Grüters-Kieslich räumt auch persönlich Fehler ein. "Ich hätte mich stärker gegen die Einbeziehung des Klinikums in die PR-Aktivität der HeiScreen GmbH wenden müssen", schreibt sie der SZ, "und hätte versuchen müssen, die Pressekonferenz zu stoppen."

Nach der Einsicht gilt es nun das Gesicht zu wahren. Vor Kurzem war der Klinikumsvorstand gemeinsam mit TTH-Kollegen zu Besuch im belgischen Leuven, wo universitäre Erfindungen mit besonderer Professionalität vermarktet werden. Am Montag stand eigentlich der Gegenbesuch an. Doch den hat Heidelberg abgesagt. Es wäre wohl zu peinlich geworden.

© SZ vom 28.05.2019
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